"Wetten, dass..?" & "Günther Jauch" : Bashing ohne Ende

Ob Günther Jauch oder Markus Lanz: Die Kritik an ihnen wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung vom überforderten Moderator. Dabei sind es die Kritiker, die überfordert sind.

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In Erfurt bereitet man sich auf die aktuelle „Wetten, dass..?“-Ausgabe vor, in Mainz auf das Ende der Show, die früher regelmäßig über zehn Millionen Zuschauer erreichte. Foto: dpa
In Erfurt bereitet man sich auf die aktuelle „Wetten, dass..?“-Ausgabe vor, in Mainz auf das Ende der Show, die früher regelmäßig...Foto: dpa

Die Deutschen schauen also im Durchschnitt 221 Minuten am Tag fern, das sind über dreieinhalb Stunden, aber die Rumänen zum Beispiel, die schauen noch viel mehr fern, nämlich über fünfeinhalb Stunden am Tag. Keine Ahnung, ob das vielleicht daran liegt, dass das Fernsehprogramm in Rumänien besser ist als das in Deutschland.

Man lehnt sich nicht zu weit vor den Bildschirm, wenn man behauptet, dass am Samstag mehr als fünf Millionen Deutsche in jedem Fall über zweieinhalb Stunden fernsehschauen werden, exakt von viertel nach acht bis kurz vor elf, denn dann kommt „Wetten, dass..?“ im ZDF, die drittletzte Ausgabe der Show. Und am Sonntag werden sich wieder alle einig darüber sein, was das denn für ein Mist war, und wie gut es ist, dass Markus Lanz endlich erlöst wird, und dass die Sendung ja eh ihre beste Zeiten bereits hinter sich hatte. Für diese Erkenntnisse müssten die meisten Menschen die Sendung nicht einmal schauen, denn private Fernsehkritik funktioniert leider mitunter ohne Fernsehen: Manche diskutieren eifrig mit und erwähnen dabei, dass sie ja seit Jahren gar keinen Fernseher mehr haben. Offenbar haben auch einige professionelle Fernsehkritiker seit Jahren keinen Fernseher mehr – anders ist der Zustand der Fernsehkritik eigentlich nicht zu erklären.

Walter Jens war mal Fernsehkritiker. Unter dem Pseudonym Momos schrieb er ab 1963 wöchentlich eine Fernsehkritik in der „Zeit“ – damals war das Medium noch jung und aufregend und unschuldig; da war es folgerichtig, dass sich ein Intellektueller anschaute, was da so läuft. Heute dürfen das Praktikanten machen. Das sagt ein bisschen was über den Zustand der Fernsehkritik aus und auch ein bisschen was über den Zustand des Fernsehens. Beides ist in Teilen gleichgeschaltet und von vorhersehbarer Langeweile.

Am Sonntag war in der Talkshow von Günther Jauch ein Imam zu Gast. Es ging um den Islam. Der Imam redete sehr viel und sehr engagiert, Jauch fragte wenig nach. Nach der Sendung waren sich auffallend viele Fernsehkritiker darin einig, dass Jauch mit der Situation „überfordert“ gewesen sei. Kann es aber nicht auch sein, dass die Fernsehkritiker einfach mit der Sendung überfordert gewesen sind?

Bashing kostet den Kritiker nichts, nicht einmal Mut

Natürlich ist das sogenannte „Jauch-Bashing“ ähnlich langweilig wie das „Lanz-Bashing“, vor allem: es kostet nichts, erst recht keinen Mut. Das ist aber nicht das Hauptproblem. Das besteht darin, dass manche Fernsehkritiker sich selbst erfüllende Prophezeiungen schreiben, anstatt die Dinge, die sie sehen, einzuordnen und zu bewerten. Markus Lanz kann keine Samstagabendshow moderieren; Günther Jauch kann keine Sonntagabendtalkshow leiten – wenn man von diesen zwei Prämissen ausgeht, dann wird die jeweilige Sendung auch genau diese Erwartungshaltung erfüllen. Aber könnte es nicht sein, dass Jauchs angebliche „Nichtleitung“ dazu beigetragen hat, dass am Ende eine gute, weil andere Talkshow dabei herausgekommen ist? Denn eines war die Sendung von Sonntagabend tatsächlich nicht: langweilig. Sie war das Gegenteil, nämlich lebhaft, stellenweise amüsant – und sie ließ dem Zuschauer jeden Raum zur Interpretation, er wurde im besten Sinne für eine Stunde allein gelassen. Das kann man Überforderung nennen, aber ist nicht gerade das Gegenteil von Unterforderung genau das, was man im Fernsehen so schmerzhaft vermisst? Dann stellten einige die Frage, ob es denn richtig sei, diesem Imam „eine Plattform“ zu bieten. Das aber ist eine Frage aus dem Jahr 1984, als das Fernsehen noch tatsächlich eine Plattform war. Niemand braucht aber mehr eine Sonntagabendtalkshow als Plattform, nicht in Zeiten von Facebook, Youtube, Twitter, wo sich Menschen ihre eigene Plattform schaffen können – und die von jenem Imam sehr ausgiebig genutzt wird.

Aber vielleicht liegt darin ja auch das grundlegende Missverständnis: Dass man glaubt, man habe es beim Fernsehen mit einem Medium zu tun, dessen Wirkmechanismen noch die gleichen sind wie vor 30 Jahren. Und man deshalb auch gleichzeitig davon ausgeht, dass der Fernsehzuschauer noch so reagiert wie damals – und er geschützt werden müsste vor einer Talkshow, die angeblich aus dem Ruder läuft. Vielleicht aber ist der Fernsehzuschauer bereits weiter. Vielleicht will er nicht mehr unterfordert werden, vielleicht will er nicht geschützt werden, vielleicht will er überfordert werden und selber entscheiden und vielleicht sind die Quotenflops der vergangenen Woche ein erstes Zeichen dafür, dass der Zuschauer bereits weiter ist als das Fernsehen.

„Wetten, dass..?“, ZDF, Samstag, 20 Uhr 15

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