• Willkürlich teilten die Kolonialmächte den Nahen Osten auf : Direkte Linie zum "Islamischen Staat"

Willkürlich teilten die Kolonialmächte den Nahen Osten auf : Direkte Linie zum "Islamischen Staat"

Wie das Sykes-Picot-Abkommen 1916 zu hundert Jahren Krieg in Nahost und zum „IS“ führte. Eine Arte-Dokumentation

Manfred Riepe
Teile und herrsche. Nördlich der Sykes-Picot-Linie war das Einflussgebiet der Franzosen, südlich das der Briten.
Teile und herrsche. Nördlich der Sykes-Picot-Linie war das Einflussgebiet der Franzosen, südlich das der Briten.Foto: SWR

Die Terrormiliz des „Islamischen Staates“ ist berüchtigt für ihre medienwirksamen Inszenierungen. Als die Dschihadisten 2014 einen vermeintlich bedeutungslosen Kontrollposten in der Wüste sprengten, überraschten sie mit vergleichsweise leisen Tönen. Auf einem Video führt ein Kämpfer aus: „Die Grenze zwischen Syrien und Irak hat keinen Bestand mehr. Das islamische Reich wird die Grenzen von Sykes-Picot zerstören.“

Sykes-Picot? Die an den Westen adressierte Botschaft spielt auf ein hundert Jahre zurückliegendes Abkommen an. 1916 zogen der britische Unterhausabgeordnete Mark Sykes und der französische Diplomat François Georges-Picot am Verhandlungstisch eine Linie von Tel Aviv bis zum heutigen Irak. Briten und Franzosen teilten damit die arabischen Provinzen des zerfallenden Osmanischen Reichs untereinander auf. Seit dieser Spaltung ist die gesamte Region nie mehr zur Ruhe gekommen. In seiner Dokumentation, die Arte am Dienstag im Rahmen eines Themenabends über die Dauerkrise in Nahost ausstrahlt, wirft Autor Alexander Stenzel die Frage auf: Gib es einen Zusammenhang zwischen dem damaligen Geheimabkommen und der Entstehung der heutigen Terrororganisation „IS“?

Bogen vom Ersten Weltkrieg zum "IS"

Zur Beantwortung spannt der ARD-Reporter einen weiten historischen Bogen von den beiden Weltkriegen über die iranische Revolution, den Afghanistan-Konflikt und die beiden Golfkriege bis hin zum Arabischen Frühling. Seine These: Der politische Islam entsteht nicht aus sich heraus. Er ist eine Reaktion auf die europäische Kolonialherrschaft und deren Folgen. Zum Beleg zieht Stenzel eine Reihe interessanter Dokumente heran, darunter Filmbilder aus den 1940ern; zu sehen sind syrische Frauen mit westlichen Frisuren und im Badeanzug. Die Bilder wirken harmlos, transportieren aber eine „harte Botschaft“. Die Versuche der europäischen Besatzer, muslimische Frauen zu entschleiern und eine laizistische Trennung von Religion und Staat mit Gewalt durchzusetzen, begünstigten eine gegenteilige Entwicklung: die Radikalisierung des Islam.

Um sie nachzuzeichnen, richtet der Film einen Fokus auf zwei Ägypter. Hassan al Banna, der „Vater des Islamismus“, gründete schon 1928 die Muslimbrüder, deren Einfluss sich über die gesamte arabische Welt erstreckt. Ihr geistiges Zentrum fand die militante Politisierung des muslimischen Glaubens in den 1960ern durch den Chefideologen Sayyid Qutb, dessen Werke für den Islamismus so wichtig sind wie „Das Kapital“ für den Marxismus. Auf ihn berief sich nicht nur Osma bin Laden. Die Liste der Islamisten, die Qutb inspirierte, ist laut Stenzel, „lang und weitverzweigt. Seine Revolutionsdoktrin findet in Syrien ihre Anwendung“.

Islamismus und Imperialismus

Der Zusammenhang zwischen dem heutigen Islamismus und der imperialen Geste des Sykes-Picot-Abkommens ist erahnbar – obwohl nicht jeder Schritt in diesem argumentativen Parforceritt überzeugt. Hundert Jahre lassen sich nicht ohne Weiteres in eine Stunde Film packen. Sehenswert ist Stenzels Dokumentation dennoch, weil sie die Motive der Dschihadisten nüchtern aus der ökonomisch-militärischen Historie heraus zu verstehen versucht. Der „Islamische Staat“ wird so ein Stück weit entzaubert. Zu Wort kommen dabei Historiker und Islamwissenschaftler, darunter der Orientalist Behnam Timo Said, bekannt durch seine Publikationen über den IS und den Salafismus in Deutschland. „100 Jahre Krieg in Nahost“ blickt weit über den Tellerrand konventioneller Krisenberichterstattung hinaus. Entbehrlich sind allein die computeranimierten Kamerafahrten aus der Stratosphäre bis hinein in die gespenstisch menschenleeren Machtzentren von London und Paris. Manfred Riepe

„100 Jahre Krieg in Nahost. Das Sykes-Picot-Abkommen und seine fatalen Folgen“, Arte, Dienstag, 21 Uhr 45

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