Medien : „Wir werden schamlos irregeführt“

Peter Scholl-Latour sieht den Golfkrieg kommen. An die Friedensgesellschaft hat der Journalist nie geglaubt

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Herr SchollLatour, seit wann bereiten Sie sich auf den zweiten Golfkrieg vor?

Spätestens seit dem 11. September bin ich davon überzeugt, dass der Krieg kommen wird.

Wann wird er beginnen?

Die militärischen Vorbereitungen sind noch nicht ganz abgeschlossen, aber ich rechne mit massiven Bombardierungen im Februar. Die einzige Chance, den Krieg noch zu verhindern, wäre die physische Ausschaltung Saddam Husseins.

Wo werden Sie sein, wenn die ersten Bomben auf Bagdad fallen?

Wahrscheinlich in Amman. Für das ZDF.

Im ersten Golfkrieg sind die Medien regelrecht vorgeführt worden. Von wem werden wir dieses Mal belogen werden?

Von allen. Desinformation ist inzwischen zu einem deklarierten Mittel der Kriegsführung geworden. Früher versuchte man, den Feind zu täuschen. Heute wird systematisch und schamlos die eigene Öffentlichkeit irregeführt. Auch die deutschen Medien fallen voll darauf herein. Ich lese, um informiert zu sein, die „International Herald Tribune", ein amerikanisches Blatt. Wo können Sie denn in Deutschland lesen, dass George W. Bush während des Vietnam-Krieges bei der National Guard gedient hat, um nicht nach Vietnam zu müssen.

Die große, allgemeine Manipulation?

Ich käme doch nie auf die Idee, nach Kuwait zu den US-Truppen zu gehen oder auf einen Flugzeugträger. Der normale Journalist wird mit Täuschungen gefüttert. Im ersten Golfkrieg wurden uns zum Beispiel unglaubliche Mengen irakischer Panzer gezeigt, die in Richtung Saudi-Arabien unterwegs sein sollten - alles gefälscht. Und die Geschichte, dass irakische Soldaten in Kuwait Kinder aus Brutkästen gerissen haben sollten - in einem Londoner Studio mit Puppen aufgenommen.

Muss man ein erfahrener, mit allen Wassern gewaschener Orient-Spezialist sein, um überhaupt etwas Sinnvolles berichten zu können?

Es hilft. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat ihren Rudolph Chimelli, der mit einer Perserin verheiratet ist. Den lese ich immer mit Gewinn. Ich habe zwar die iranische Revolution mitgemacht und bin im Flugzeug von Khomeini von Paris nach Teheran geflogen, aber ich bin eben nicht mit einer Perserin verheiratet. Andererseits: wer sagt, wir leben in einer freien Welt mit einer freien Presse, der sagt nicht die ganze Wahrheit. Machen wir uns nichts vor: Die Verleger beeinflussen den Kurs und haben ihre bestimmte Auffassung von Political correctness.

Aber Sie können die Wahrheit sagen. Sie haben Narrenfreiheit.

Ich profitiere von einer Situation, die George Bernhard Shaw wie folgt beschrieben hat: „Nehmt Euch vor alten Männern in Acht, sie haben nichts zu verlieren."

Will die Öffentlichkeit die ganze Wahrheit denn überhaupt wissen?

Ich bin davon überzeugt, sonst wäre ich nicht seit 20 Jahren der erfolgreichste Sachbuchautor Deutschlands. Bei großen Vorträgen wage ich sogar, auf die Notwendigkeit einer nuklearen Abschreckungskraft Deutschlands hinzuweisen. Ich begründe das natürlich und bin niemals auf Widerspruch gestoßen. Die Leute sind offen für Wahrheiten.

Sie wurden und werden für Ihre Position angefeindet, der Islam sei eine militante Religion.

Aber die Muslime sind stolz darauf. Wenn mich gewisse Orientalisten in diesem Punkt kritisiert haben, so sind sie längst verstummt. Der Prophet Mohammed war im Gegensatz zu Jesus Christus nicht nur Verkünder der göttlichen Offenbarung, sondern er war Staatsgründer, Gesetzgeber und Feldherr. Da jeder Gläubige dem perfekten Menschen Mohammed nacheifern soll, ist natürlich auch der kriegerische Einsatz anempfohlen, wenn die Sache des Islam bedroht ist.

Aber Hussein ist kein eifernder Gotteskrieger.

Es ist weder ein terroristisches noch ein islamisches Regime. Hussein ist ein arabischer Nationalist, dessen Baath-Partei von einem syrischen Christen gegründet wurde. Die Amerikaner scheinen seltsamerweise nicht damit zu rechnen, dass nach einem Sturz Husseins die von ihm bislang unterdrückten Islamisten an die Macht kommen könnten.

Warum wird dieser Krieg geführt?

Aus vielen Gründen. Einer ist, dass Präsident Bush ein „born again“ ist, also einer, der nach persönlichen Problemen in seiner Jugend zu einer Art christlichem Fundamentalismus gefunden hat. Seit dem 11. September hat man den Eindruck, dass der ausgeprägte Patriotismus der US-Bürger in weiten Kreisen ein stark religiöses Element enthält. Von jeher liegt der amerikanischen Politik eine Art Manichäismus zu Grunde, der die Welt in Gute und Böse einteilt. Bush und seine Mannschaft haben so nachdrücklich die Beseitigung Saddam Husseins verlangt und angekündigt - „this man is evil“ - , dass jeder Verzicht auf die Verwirklichung dieses Ziels von der arabisch-islamischen Welt als Zeichen der Schwäche gedeutet würde. Was die Massenvernichtungswaffen betrifft, so ist der Irak heute weit weniger gefährlich als andere so genannte Schurkenstaaten. Denken wir nur an Nordkorea.

Und das Erdöl?

Für die Amerikaner ist Öl das Mittel zur Weltherrschaft. Sie glauben als „indispensable nation“ die Weltherrschaft im Interesse der Menschheit ausüben zu müssen, die „pax americana". Und dazu brauchen sie eine möglichst vollständige Verfügungsgewalt über das Öl dieser Welt. Letzten Endes geht es um die Eindämmung Chinas, des großen Rivalen der Zukunft, dem man bereits den Zugriff auf die Energiereserven Zentralasiens verweigern will.

Man könnte glauben, das Böse sitzt nicht in Bagdad, sondern in Washington D.C.

Die Macht sitzt in Washington. Bisher haben die Deutschen in der euphorischen Vorstellung gelebt, die Welt und die Menschheit seien zum Guten bestimmt. Man benutzte unbesehen die irreführenden Begriffe von „internationaler Staatengemeinschaft“ oder „family of nations". Unter den jetzigen Umständen könnte man eher auf ein Zitat aus dem „Zarathustra“ von Nietzsche zurückgreifen: „Die Staaten sind die kältesten aller kalten Ungeheuer.“

Was glauben Sie, wie werden wir diesmal von den USA medial in die Irre geführt?

Das ist noch gar nicht vorauszusehen, aber bestimmt wird es zu gravierenden Täuschungen kommen. Denken wir nur an den Beginn des amerikanischen Eingreifens in den Vietnam-Krieg. Damals musste der Tonking-Golf- Zwischenfall als Argument herhalten. Durch die „Pentagon-Papers“ haben wir später erfahren, dass es sich um eine einseitige amerikanische Provokation handelte.

Können Sie mit der Denkfigur des gerechten Krieges etwas anfangen?

Ich habe den Franzosen immer vorgeworfen, dass sie nicht energischer gegen Hitler gekämpft haben. Natürlich führt ein Staat, der angegriffen wird, ohne provoziert zu haben, einen gerechten Krieg.

Ist die Friedensgesellschaft am Ende?

Ich habe nie an die Friedensbewegung geglaubt. Ich bin kein Pazifist, und ich bin nicht Journalist geworden, um eine weltverbessernde Botschaft zu verkünden.

Sie sind Verkünder unbequemer Wahrheiten.

Ich schildere die Dinge, wie ich sie erlebe. Meine katholische Erziehung hat mich davor bewahrt, die Welt in der optimistischen Perspektive des ewigen Fortschritts zu sehen. Oft hat man den Eindruck, dass der Mensch böse und die Welt schlecht ist. Der Mythos der Erbsünde kommt nicht von ungefähr.

Und wo bleibt das Gute?

Wenn wir religiös denken: in der Gnade Gottes. Und in der Erziehung des Menschen zum Guten, die ohne eine gewisse Strenge nicht auskommen kann. Wer immer nur an das Gute glaubt, ist wehrlos gegenüber dem Bösen, das über ihn hereinbrechen wird. Und das Erwachen wird kommen.

Das Gespräch führten Thomas Eckert und Joachim Huber .

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