Wirtschaftskrimi : Vier gegen den Rest der Welt

Zumwinkel, Hoeneß, Schwarzer: „Die Fahnderin“ mit Katja Riemann ist der ARD-Film zur Steuer-Affäre. Aber kein staubtrockener Wirtschaftskrimi.

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Katja Riemann als Steuerfahnderin. Foto: WDR
Katja Riemann als Steuerfahnderin.Foto: WDR

Benedikt Sämann ist ein angesehener Mann. Unternehmer, sozialer Wohltäter, bald Bundesverdienstkreuz-Träger. Und: Steuerhinterzieher. Sämann, das ist Uli Hoeneß, Klaus Zumwinkel, André Schmitz, Alice Schwarzer und all die anderen in einer Person. Kein Abbild natürlich, sondern eine für den ARD-Mittwochs-Film „Die Fahnderin“ erfundene Figur, stellvertretend für die bundesdeutsche Prominenz, die in den vergangenen Jahren durch den staatlichen Ankauf von CDs mit Bankdaten aus der Schweiz, Liechtenstein und anderswo dem Fiskus in die Hände getrieben wurde. Allein im vergangenen Jahr gingen bei den Finanzämtern angeblich rund 25.000 Selbstanzeigen ein, umgerechnet also in jeder Stunde drei. Sage noch einer, die CD sei als Speichermedium ein Auslaufmodell.

Sämann hat ziemliches Pech. Die gefürchtete Neusser Steuerfahnderin Karola Kahane erhält eine CD mit 800 Namen, was ihre Abteilung heillos überfordert. Also: „Wir greifen einen prominenten Namen heraus und hoffen bei den anderen auf die Selbstanzeige“, sagt sie. Kahane fährt mit dem Finger über die Namens-Liste und bleibt bei Sämann hängen. Als sie jedoch dessen Privathaus mit einem Dutzend Beamter durchsucht, war der offenbar gewarnt. Die Fahnder finden nichts, nur in den Mülltonnen vor dem Haus eine Menge geschreddertes Papier. Kahane nimmt Sämann trotzdem fest – und führt ihn vor laufenden Kameras ab. Anschließend wird versucht, sie selbst und ihr Team zu verunsichern und unter Druck zu setzen. „Mach diese Kahane fertig. Lösch sie aus“, verlangt Sämann von seinem Anwalt.

Bösewichte aus besseren Kreisen

Sämann wird von Alexander Held gespielt, einem erprobten Darsteller für Bösewichte aus den besseren Kreisen. Aber wie spielt man eine Finanzbeamtin, eine Figur, die in der Vorstellung des Publikums vermutlich verstaubt, verkniffen und unsexy zu sein hat? Da ist die gegen den Strich gebürstete Besetzung mit Katja Riemann nicht die schlechteste Idee. Riemann alias Kahane versteckt sich hinter einer gewaltigen Brille, das lange schwarze Haar ist nicht besonders zurechtgemacht, ihre Kleider entsprechen meist dem Langweiler-Klischee. Doch die etwas irritierende, betont anti-Riemannsche Aufmachung täuscht: Die Fahnderin ist keine graue Maus, sie tritt energisch auf, geht kompromisslos und eigenmächtig vor und kann sich auch lasziv im Hotelbett neben dem Generalstaatsanwalt (Götz Schubert) räkeln. Und die Wortgefechte mit ihrem Vorgesetzten sind scharf und haben Witz. Etwas anstrengend ist nur das private Drama um die heranwachsende Tochter, die von Workaholic Kahane vernachlässigt wird.

„Die Fahnderin“ ist dennoch ein spannender Wirtschaftskrimi (Drehbuch: Stefan Dähnert) und in der Inszenierung von Züli Aladag („Wut“) ein richtiges Vergnügen. Vor allem weil sich um Kahane ein verschworenes Team bildet: Ihr smarter Assistent Hartl (Maxim Mehmet), der bullige, schwule Kollege Busse (Heiko Pinkowski) und der junge, idealistische Staatsanwalt Hofmann (Albrecht Abraham Schuch). Vier gegen den Rest der Welt, vier hartnäckige Detektive, die im Wettlauf gegen die drohende Verjährung minutiös Tagesabläufe und Geldflüsse rekonstruieren und sogar vor Bergen aus geschredderten Akten nicht kapitulieren. Der dröge Papierkram bekommt hier Leben, und mit der Kamera von Busso von Müller wird sogar das Abheften zum Hingucker. Steuerfahnder – was für ein toller Job. In der Wirklichkeit dürften allerdings schon die Büros nicht so großzügig aussehen.
Ansonsten sind unübersehbar Anspielungen auf reale Fälle enthalten. Vor allem auf den Fall Zumwinkel. Auch der ehemalige Post-Chef wurde im Februar 2008 vor laufenden Kameras abgeführt, was insbesondere der Bochumer Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen übel genommen wurde. Lichtinghagen sollte später der Fall entzogen und versetzt werden, was ein kleines politisches Erdbeben in Nordrhein-Westfalen zur Folge hatte. Über das Durchgreifen der Politik in Steuer-Verfahren kann sie selbst nach der Ausstrahlung des Films Auskunft geben. Lichtinghagen ist bei einer Extra-Ausgabe von „Plusminus“ zu Gast.

„Die Fahnderin“, ARD, Mittwoch, 20 Uhr 15 Uhr; ab 21 Uhr 45: „Plusminus extra: Fiskus, Bürger und Betrüger – Wie der Staat Steuern eintreibt“

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