Wo Buch und Fernsehen versöhnt werden : Fürs Gute streiten

Die ARD-Literatursendung „Druckfrisch“ mit Denis Scheck feiert zehnten Geburtstag. Zeit für einen Glückwunsch.

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Bemerkenswert ist natürlich allein dieser Geburtstag von „Druckfrisch“. Zehn Jahre, das ist für eine Literatursendung gerade im quotendekorierten Premiumschaufenster der Öffentlich-Rechtlichen eine ungewöhnlich lange Zeit. Denis Scheck hat damit Elke Heidenreichs „Lesen“ (von 2003 bis 2008) um fünf Jahre übertroffen, ganz zu schweigen von den „Vorlesern“, die es auf keine zwei Jahre brachten (von Mitte 2009 bis 2010). Um den Rekord des „Literarischen Quartetts“ (von 1988 bis 2001) zu brechen, braucht „Druckfrisch“ nur noch drei Jahre. Und bei Wolfgang Herles’ „Blauem Sofa“, das seit 2011 in der Literaturwelt herumgekarrt wird, ist man sich oft unsicher, ob es das eigentlich noch gibt oder das ZDF schon wieder die Geduld verloren hat.

Noch bemerkenswerter an „Druckfrisch“ aber sind die Machart der Sendung und ihr Moderator. Formal ist sie ganz dem Medium Fernsehen verpflichtet. Regisseur Andreas Ammer setzt auf schnelle Schnitte, ungewöhnliche Kameraeinstellungen, ungewöhnliche Musik (eine Literatursendung mit Thurston Moores Song „Benediction“ zu beginnen, groß!) und ungewöhnliche Schauplätze, ob das nun Bergstollen, Waldlichtungen oder Friedhöfe sind, ob Lagherhallen, Bibliotheken, Schriftstellerwohnzimmer oder das Pergamon-Museum, wo Scheck sich zuletzt mit dem Dichter Gerhard Falkner traf.

Die visuelle Ästhetik spielt eine eminent wichtige Rolle, und doch stehen ihr die Literatur und deren Vermittlung kaum nach. Die Sendung verknüpft das Beste beider Welten. Sie versteht es zu unterhalten, ohne populistisch zu sein, und über bloße Empfehlungen und apodiktische Daumen-rauf-Daumen-runter-Urteile hinauszukommen.

Was wiederum ein Verdienst des Moderators ist. Denis Scheck ist ein Vielleser und Literaturbesessener, aber auch ein Freund des gespielten Witzes und der feinen Ironie. Wenn er nach dem Intro ins Bild kommt und als „Ihr Streiter für das Wahre, Gute und Schöne“ angekündigt wird, wenn er dann „zum guten Buch zur späten Stunde“ willkommen heißt, weiß man, was die (Literatur-) Stunde geschlagen hat. Scheck ist sich dieser Floskeln bewusst, ihrer Leere; das überzeugte Streiten, den Einsatz für die guten Bücher will er sich trotzdem nicht nehmen lassen. Darum kennt er auch keine Gnade, wenn er die Bestsellerliste durchgeht und die meisten der hier vertretenen Bücher, versehen mit knappen, treffenden Bemerkungen, in die Tonne wirft. Das darf sonst keiner, das darf nur Denis Scheck.

Was am Ende leider gar nicht bemerkenswert ist an „Druckfrisch“: der allzu späte Sendetermin am Sonntagabend. Gleich nach Jauch wäre das Mindeste. Weil die Sendung so gut (und unterhaltsam!) ist – und selbstverständlich die dort präsentierte Literatur. Gerrit Bartels

„Druckfrisch“, heute, 23 Uhr 35, ARD. Im Kulturteil der heutigen Tagesspiegel-Ausgabe bespricht Denis Scheck aus Anlass des Sendejubiläums die zehn meistverkauften Bücher aller Sprachen und aller Zeiten.

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