Wo hat es sich nur versteckt? : Herr Herles sucht das Glück

Bhutan, Costa Rica, global: Zwei Reportagen umkreisen ein Menschheitsthema. Und mancher träumt vom Unglück.

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Da staunt der Mann aus Deutschland. Premier Lyonchhen Jigmi Y. Thinley erklärt ZDF-Reporter Wolfgang Herles (zweiter von rechts) Bhutans Glücks-Index. Foto: ZDF
Da staunt der Mann aus Deutschland. Premier Lyonchhen Jigmi Y. Thinley erklärt ZDF-Reporter Wolfgang Herles (zweiter von rechts)...

Nur mal als Gedankenspiel. Berlin verhält sich künftig wie Bhutan. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit erklärt das Brutto-Glücksprodukt zum künftigen Maßstab seiner Politik. Lyonchhen Jigmi Y. Tinley, der Premierminister des Königreichs, sagt: „Unsere Gesellschaft ist noch nicht besessen von Gier. Im Großen und Ganzen ist die Mehrheit unserer Bevölkerung spirituell orientiert und kann die Bedürfnisse von Körper und Seele ausbalancieren.“ Wenn man dazu in der Lage sei, könne man das Glück genießen.

Weder der Berliner noch sein Bürgermeister werden sich auf den buddhistischen Weg der 700 000 Bhutaner begeben. Doch in der Sehnsucht nach dem, was Glück ist, gibt es im Himalaya und in Hellersdorf Schnittmengen. Auch der gemeine Hauptstädter will ein winziges Stück vom Glückskeks abbeißen, das Gemeinwesen ist voll von Esoterik, Büchern, Kursangeboten. Glück ist auch Geschäft.

Wolfgang Herles hat als einer der wenigen Berliner Größeres, Höheres im Sinn. „Auf der Suche nach dem Glück“ heißt seine zweiteilige Reportage, die das ZDF an diesem Freitag und am 24. August ausstrahlt. Der Literaturredakteur ist ausgewiesener Skeptiker. Das hilft beim Thema, denn es schärft den Blick und mindert die Gefahr der Überwältigung. „Ich habe mich dem Thema in zwei großen Schleifen genähert“, sagt Herles am Montag beim Treffen im Schnittraum, „und als Reporter.“ Sein Film ist fern vom dokumentarischen Behauptungs-Beweis-Duktus. Die Suchfunktion überwiegt, die journalistische Neugier wird umgesetzt in Bewegungsenergie durch die Weltglücksgesellschaft. Die erste Bewegung und damit die ersten 30 Minuten führen in den Osten, nach Bhutan, zu den spirituellen und seelischen Quellen des Glücks. Alle drei Jahre schwärmen Staatsbeamte aus, um das Volk nach Glück und Zufriedenheit zu befragen. Selbst im Himalaya ist das Glück ein Fluidum.

Es ist Segen und Fluch, dass Herles beim Gespräch mit dem „Glücksminister“ von einer Biene gestochen wird (im Schnittraum wird sie zur „Hornisse“). Der Reporter leidet sichtlich, der „Glücksminister“ aber strahlt. Jetzt, hier, eine Biene, kann es ein größeres Glück geben?

Wolfgang Herles sagt nichts, sein Gesicht sagt: Ja! Nicht im Anschluss und doch in gedanklicher Wurfweite trifft er den Philosophen Wilhelm Schmid, Antidot der Glückspropagandisten. Nur Pech und Schwefel schaffen Kreativität, Glück mache anfällig bei kleinsten Herausforderungen, wichtiger als das Glück sei der Sinn im Leben. Glückasket Schmid schreibt Bücher mit Titeln wie „Unglücklich sein. Eine Ermutigung.“ Ansichtssache, eindeutig, wie jedes Glück und jedes Unglück. Philippe Pozzo di Borgo („Ziemlich beste Freunde“) wird auch befragt. Ein Höhepunkt im Glücks-Feuilleton. Und es ist nicht zynisch, festzuhalten, dass seine Sätze mehr Gewicht entfalten, weil sie von einem lebensklugen Querschnittsgelähmten gesagt werden.

Wolfgang Herles bleibt nicht im Fragemodus. Zwar versammelt er Denker, Wissenschaftler, Politiker (und niemals den „kleinen Mann“ auf der Straße), und er bringt auch Zahlen, Indizes ins Suchspiel ein. Eine global erhobene Hitliste sagt, dass die Tansanier das unglücklichste Volk der Welt seien, die Deutschen liegen im Mittelfeld, die höchsten Werte weist Costa Rica aus. Nicht reich, nicht arm, seit 60 Jahren ohne Militär, die Reportage müsste länger nach den Gründen forschen. Tut sie nicht, Herles ist ein Getriebener, längst ist er in seinem zweiten Teil, via Westschleife im reichsten Land der Erde angekommen: in den USA. Hier geht Herles aufs Ganze, er holt die Nobelpreisträger, den Ökonomen Joseph Stiglitz und den Psychologen Joseph Kahneman vor die Kamera. Stiglitz fordert, nicht zum ersten Mal, dass das Bruttoinlandsprodukt als einziges Maß für Fortschritt verabschiedet wird, Kahneman aktualisiert den Zweifel, dass Menschen nicht sicher beurteilen können, was sie glücklich macht.

Gerne hätte man mit Wolfgang Herles festen Boden unter die Füße bekommen; zu wissen, was Glück ist, was glücklich macht, wie Glück bewahrt wird. Ist nicht zu bekommen. Herles wird es gewusst haben. Das Musik-Intro ist „Happiness is a warm gun“, ein Beatles-Song. Was sonst nach Kuschelmucke tönt, ist in dieser Konzertversion ein Fragezeichen.

Am Schluss von Teil eins kommt Herles aufs Fernsehen zu sprechen. Es fällt der Satz: „Zu viel Fernsehen macht unglücklich.“ Da wird es am Freitag kurz vor Mitternacht geworden sein. Bis dahin hat das ZDF 23 Stunden und 59 Minuten lang das Gegenteil beweisen wollen. Das ZDF ist bekannt als das „Zentrum der Freude“.

„Auf der Suche nach dem Glück“, Teil 1, Freitag, 23 Uhr 30; Teil 2, 24. August, 23 Uhr 45.

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