Wo Macher, Senderchefs, Kritiker irren : Furchtlose Krieger

Gegen den Trend: Warum der ZDFkultur-Talk „Roche & Böhmermann“ so unverschämt gut ist.

Tim Klimeš
Cheers! Während bei „Günther Jauch“ zeitgleich die Fragen der Nation verhandelt werden, lassen Charlotte Roche und Jan Böhmermann das Eis im Whiskey-Glas klirren.
Cheers! Während bei „Günther Jauch“ zeitgleich die Fragen der Nation verhandelt werden, lassen Charlotte Roche und Jan Böhmermann...Foto: Phillippe Fromage/ZDF

Lassen Sie mich mal eine steile These aufstellen: Je länger Fernsehmacher Fernsehen machen, desto ängstlicher werden sie. Das klingt paradox, da haben Sie recht, aber Sie müssen sich das wie folgt vorstellen. Ihr Leben lang sehen sich Fernsehredakteure in diesem Land in einen Kampf gegen drei übermächtige Gegner verwickelt. Da wären einmal der Zuschauer, der mit der Fernbedienung in der Hand (und, im schlimmsten Fall, einer dieser mysteriösen GfK-Quoten-Boxen im Medienmöbel) über Fernsehkarrieren entscheidet – siehe Thomas Gottschalk.

Der zweite Gegner sind die Senderchefs. Senderchefs können ein ruhiges Leben führen, wenn sie nicht auffallen. Immerhin gibt es so viele Sender, wenn da einer mal langweilig vor sich her sendet: Wer soll das schon merken? Ganz anders, wenn mal etwas ausprobiert wird, wenn etwas gewagt und möglicherweise falsch gemacht wird – denn es gibt ja noch den dritten Gegner: die Kritiker. Und wir haben es uns in den vergangenen Jahren angewöhnt, alles am deutschen Fernsehen schlecht zu finden. Es ist sozusagen unser Job geworden, zu meckern, wenn etwas schiefgeht, wenn etwas anders ist, oder wenn wir einfach Lust haben. Ein Verriss schreibt sich wesentlich leichter als eine Hommage und ist viel lustiger. Das Publikum lacht gerne.

Angesichts dieser Gegner können die Fernsehmacher in den Sendern mit den Jahren nur zu ängstlichen, sehr ängstlichen Menschen werden. Und mit dieser Erkenntnis sind dann auch die Grundregeln nachzuvollziehen, nach denen ein Großteil des deutschen Fernsehens mittlerweile funktioniert: Keine Überraschungen, keine Skandale, alles, nur nicht den Zuschauer vergrätzen! Damit er auch alles versteht, wird ständig alles erklärt. Damit nichts aufstößt, wird ständig alles relativiert. Damit nichts passiert, passiert nichts. Und wer so Fernsehen macht, der geht zumindest auf Nummer sicher. Und muss nicht mehr ängstlich sein.

Das führt zum Thema: Die Redakteure der Talkshow „Roche & Böhmermann“ auf ZDFkultur müssen furchtlose Fernsehkrieger sein, denn mit der im März 2012 gestarteten Talkshow brechen sie so ziemlich jede Konvention im deutschen Fernsehen. Nein, damit ist nicht die Kulisse gemeint, die alt und aufregend ist, dieses „Retro-Studio“ („Die Welt“) in dem „Whiskey als Gastgetränk“ („Der Freitag“) gereicht wird und „Stabmikrofone, die man mittlerweile wohl bei eBay ersteigern muss“ („FAZ“), den Gästen entgegengereckt werden. Nein, mit einer Studiokulisse alleine lässt sich noch keine Sendung machen – siehe Thomas Gottschalk.

„Roche & Böhmermann“ ist so gut, weil die Sendung jeden Sonntag die TV-Sinnfrage aufwirft, weil sie das Medium hinterfragt und ihre Protagonisten bis auf die nackte Haut entblößt. Und weil sich das bisher keiner getraut hat. „,Roche & Böhmermann’ wollen das Medium entzaubern“, heißt es auf der ZDF-Website zur Sendung, daneben steht die entscheidende Frage: „Wie wahrhaftig ist Fernsehen?“

Einen Eindruck davon bekam, wer kürzlich das Gespräch zwischen Gastgeber Böhmermann und Rapper Sido über Ökostrom sehen konnte. Als der böse Bube aus Berlin sich trotz mehrfacher Nachfrage weigerte, den jungen Zuschauern den nachhaltigen Strom ans Herz zu legen, bricht Böhmermann mit einem Blick in die Regie kurzerhand ab: „Wir machen hier einen Break und gehen noch mal zurück“ – und dann zu Sido: „Du hast jetzt die Chance, deine Verantwortung wahrzunehmen.“ Die folgenden Sekunden sind an, ja, so muss man es nennen, Wahrhaftigkeit nicht zu überbieten. Ein entgeisterter Gangster-Rapper blickt in die Runde, die erneut ein Gespräch zu erneuerbaren Energien beginnt, um im Anschluss perplex in die Kamera zu stammeln: „Ey, die haben hier gerade die Sendung angehalten.“

Oder da wären auch noch die kurzen Einspieler, mit denen die Gäste des Talks vorgestellt werden: Während Bilder aus dem Leben der Gäste einfliegen, spricht eine Off-Stimme brutale Wahrheiten aus. Über Wilson Gonzales Ochsenknecht („der etwas peinliche Sohn von Uwe Ochsenknecht “), Kim Gloss („die Viertplatzierte der egalen Asi-Casting-Show DSDS“) oder Fiona Erdmann („interessiert sich für Schauspielerei und Sonstwie-Berühmtsein“).

Das ist oft nicht nett, aber meistens wahr. „Roche & Böhmermann“ sprechen aus, was Zuschauer denken. Das machen andere auch, aber während Stefan Raab und Harald Schmidt ihre Zoten in einsamen Stand-ups versenden, sitzen die Geleimten bei ZDFkultur mit am Tisch. Und der leere Blick eines Wilson Gonzales nach dem Einspieler sagt mehr, als drei Fragen zu seiner gepuderten Kindheit.

In den zurückliegenden Sendungen haben die Eingeladenen immer schnell begriffen, dass die gelernte Rollenaufteilung an diesem Tisch nicht funktioniert. Die Gastgeber sind nicht zwangsläufig unsere Freunde (wie Markus Lanz, Giovanni di Lorenzo oder Jan Hofer). Und deshalb passiert bei „Roche & Böhmermann“ immer öfter das, was im deutschen Fernsehen nur noch ganz, ganz selten passiert. Weil alle Beteiligten aus der gemütlichen Routine fallen, entwickelt sich: Eigendynamik. Gäste sprechen mit Gästen, unterbrechen sich mit Fragen, verbünden sich gegen diejenigen, die sie da gerade an die Wand fahren lassen. Eigendynamik ist für den Zuschauer etwas ganz Tolles. Eigendynamik überrascht. Für ängstliche Fernsehmacher ist sie die Hölle: Was da alles passieren kann!

Es soll auch nicht übertrieben werden. Bei „Roche & Böhmermann“ ist nicht alles gut. Die beiden vergaloppieren sich nicht selten, drehen Gästen schon mal für einen müden Gag nachträglich den Ton ab oder zerschießen sich die halbe Sendung, weil Jan Böhmermann zu Anfang Viagra einnehmen will und im Anschluss über nichts anderes mehr gesprochen wird. Aber ist nicht das schon ein Fortschritt? Dass hier nicht immer alles klappt, und es trotzdem weitergeht. Dass man sich im Anschluss an die Sendung entweder diebisch freut, weil es so toll, oder bodenlos ärgert, weil es so banal war. Dass die Sendung nicht egal ist – wie „Günther Jauch“, zur selben Zeit in der ARD. Dass es mal wieder Ausschläge gibt auf dem Herzschlagmesser des deutschen Fernsehens – nach oben und nach unten.

Zwei Sendungen stehen in dieser Staffel noch aus: die Pilotfolge an diesem Sonntag und ein Best-of am nächsten Sonntag. Vom 2. September an soll es weitergehen, die Quoten (bis zu 0,6 Prozent Marktanteil) wollen es so. Hoffen wir, dass „Roche & Böhmermann“ es nie, wirklich nie mit ängstlichen Fernsehmachern zu tun bekommen.

„Roche & Böhmermann“,

22 Uhr, ZDFkultur. Heute mit Samy Deluxe, Palina Rojinski, Max Schradin, Philipp Möller, Boris Palmer

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