Woodstock in Weißensee : 1988: Bruce Springsteen rockt die DDR

Eine TV-Doku zeigt, wie Ostberlin den Weststars den Roten Teppich ausrollte. Was mit Bob Dylan begann, kam mit Bruce Springsteen zum Höhepunkt.

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Born in Berlin. Kaum ein Rockstar wurde im Osten Deutschlands so sehnsüchtig erwartet und so frenetisch gefeiert wie Bruce Springsteen. Foto: MDR
Born in Berlin. Kaum ein Rockstar wurde im Osten Deutschlands so sehnsüchtig erwartet und so frenetisch gefeiert wie Bruce...Foto: MDR/DOKfilm/Thomas Uhlemann

Locke ist ein pubertierender Junge, der im Ostberliner Plattenbau wohnt und seine Stars abgepaust an die Wand heftet. Seine blonden Locken geben ihm seinen Spitznamen. Im Sommer 1988 darf er erleben, wovon viele Jugendliche in der DDR bislang nur träumten. Die Hauptstadt der DDR wird zum Roten Teppich von Weststars, die Konzertbühne auf der Radrennbahn Weißensee zu Woodstock in Zeiten der Perestroika. Dort spielen die Rainbirds aus Westberlin, James Brown, Bryan Adams und Bruce Springsteen.

Und Locke ist bei allen Konzerten dabei. Er ist der ideale Fan, den die Regisseure Carsten Fiebeler und Daniel Remsperger für ihre Dokumentation „Mein Sommer 88 – Wie die Stars die DDR rockten“ erfunden haben. In nachgestellten Super-8-Filmbildern führt Locke durch einen legendär gewordenen Musiksommer. Das ist an sich ganz niedlich gedacht, um so der Atmosphäre und dem Lebensgefühl jener Zeit nahezukommen. Doch woran sich Locke 25 Jahre später erinnert, sind oft nur Plattheiten wie diese: „So war er, mein Sommer 88, perfekte Freunde, perfekte Musik, was braucht man mehr.“

Die MDR-Dokumentation beginnt mit einem völlig verschwitzten Rockstar aus Amerika und seinem Ruf „Seid ihr müde?“. 160 000 Menschen brüllen ihr „Nein!“ zurück. Als der „Boss“ im Osten auftrat, war niemand erschöpft. Im Sommer ’88 herrschte in Ostberlin Ausnahmezustand. Die Konzertbühne auf der Radrennbahn wurde zur Wallfahrtsstätte für Popper, Punks und Gruftis, für FDJler, Parteimitglieder und Konfirmanden. Alle hatten ein gemeinsames Ziel: dem Westen ein Stück näher zu sein. Und Bruce Springsteen gab ihnen dieses Gefühl. „Born in the USA“ in der DDR, das war so etwas wie eine kurze Umarmung der Freiheitsstatue.

Die beiden Regisseure haben nach bisher unveröffentlichten Konzertausschnitten des Springsteen-Abends in Weißensee geforscht. Sie befragten ehemalige Fans aus dem Publikum und spürten auch das Mädchen auf, das Bruce Springsteen bei dem Song „Dancer in the Dark“ zu sich auf die Bühne holte, um dort mit ihr zu tanzen. Damals war sie Lehrling, jetzt ist sie Unternehmensberaterin. Ihr T-Shirt, das sie an dem Abend trug, hat sie seit 1988 nicht mehr gewaschen.

Neben Fan-Erinnerungen und Live-Material bietet die 90-minütige Dokumentation auch interessante Hintergründe über den Kalten Krieg der Konzerte zwischen Ost- und Westberlin. Noch ein Jahr zuvor, 1987, waren tausende Jugendliche aus dem Ostteil der Stadt vor die Mauer gezogen, um wenigstens zu hören, was sie nicht sehen konnten. Phil Collins, die Eurythmics und David Bowie traten vor dem Reichstag auf. Die Volkspolizei und die Staatssicherheit drängten in Ostberlin die Hörlustigen ab, es kam zu Festnahmen.

Empörte Jugendliche riefen in die Kameras des SFB: „Die Mauer muss weg“. Solche Bilder vor dem Brandenburger Tor sollten sich nicht wiederholen. Und so kaufte die DDR selber Rockstars aus dem Westen ein und baute riesige Konzertbühnen für sie auf. Barcley James Harvest, Bob Dylan und Joe Cocker machten den Anfang.

Als Bruce Springsteen sich für einen Auftritt in Ostberlin interessierte, waren die Kulturfunktionäre der FDJ schlichtweg begeistert. Allerdings mussten sie diesen Deal auch den alten Genossen in der Staatsführung plausibel machen. Sie erklärten Springsteens aktuelle „Tunnel of Love“-Show einfach zum „Solidaritätskonzert für Nikaragua“. Der Sänger selbst erfuhr durch Zufall und einen Abend vor dem Konzert davon. Sein Management verlangte, die riesigen Bekundungstransparente von der Bühne zu entfernen. Erst dann trat der „Boss“ auf – und Berlin-Weißensee erlebte eines der größten Konzerte der Rockgeschichte. Doch hinter der Bühne wurde weiter gezittert und verhandelt, denn Bruce Springsteen wollte den160 000 Zuschauern etwas sagen. Während das Spektakel lief, suchten hitzige Köpfe nach einem anderen Wort für „Mauern“.

Solche brisanten Momente verleihen der Dokumentation ihre Spannung, die die politischen Querelen hinter den Kulissen konsequent miterzählt. Unterbrochen werden sie nur von Locke, der dem Film zwar Leichtigkeit geben soll, aber den der Film eigentlich nicht braucht.

„Mein Sommer ’88“, 20 Uhr 15, „Bruce Springsteen & The E Street Band. Live in Berlin-Weißensee 1988“, 22 Uhr, Freitag, MDR-Fernsehen



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