ZDF : Die Gustloff geht noch mal unter

Eines der TV-Events 2008: Das ZDF hat ein Drama über die größte Schiffskatastrophe fertiggestellt.

Sven Goldmann
Gustloff
Die deutsche Titanic. Nach dem Torpedobeschuss strömt Wasser in den großen Festsaal der Gustloff. -Foto: ZDF

Licht aus, Film ab. Als es endlich losgehen soll in den Hamburger Kammerspielen, steht Kai Wiesinger auf. „Kann mal einer die Klimaanlage runterdrehen, es ist so kalt hier.“ Das Publikum wird noch genug zu frösteln haben. Drei Stunden lang, bei der Uraufführung des ZDF-Films „Die Gustloff“, eines Zweiteilers über die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten. Um die 9000 Menschen starben am 30. Januar 1945, als ein russischer Torpedofächer die mit Flüchtlingen überladene „Wilhelm Gustloff“ auf seiner Fahrt von Gotenhafen (heute Gdynia) nach Kiel versenkte.

Wie damals in der Danziger Bucht wird auch auf der Leinwand viel gelitten und gestorben. In prominenter Besetzung: Kai Wiesinger spielt einen aufrechten Kapitän, Heiner Lauterbach seinen ihm fremd gewordenen Bruder, Detlev Buck einen zwielichtigen Funker und Valerie Niehaus seine Cousine, eine Marinehelferin mit Herz. Virtuos webt Joseph Vilsmaier drei Handlungsstränge ineinander, und als alles vorbei ist, hält er eine kleine Rede. Der Regisseur ist bewegt. Er erzählt von dem Baby, das auf einem Rettungsboot geboren wurde, „alles ist so passiert, wir haben nichts dazuerfunden“. Das ist gewagt formuliert, denn Vilsmaiers Film beschränkt sich keinesfalls darauf, Geschichte zu beschreiben. Er will selbst Geschichte schreiben.

Bis heute ist der Untergang der Gustloff ein Mysterium. Warum lauerte das sowjetische U-Boot S 13 in der angeblich geräumten Danziger Bucht? Wer sendete den Funkspruch, der vor einem entgegenkommenden Minensucherverband warnte, so dass die abgedunkelte Gustloff ihre verräterischen Positionslichter setzte? Der Film deutet die Antwort mehr als nur an. Es war Sabotage. Verrat. Begangen von einem Deutschen, der die Seiten gewechselt hatte.

Die Gustloff war nicht irgendein Schiff, sie war der Paradedampfer der nationalsozialistischen „Kraft durch Freude“-Urlaubsflotte. Adolf Hitler persönlich war 1937 Taufpate, das Schiff trug den Namen seines ermordeten Schweizer Statthalters. „Für die Russen war die Gustloff das Nazischiff schlechthin“, sagt Heinz Schön, einer von gut tausend Menschen, die das Unglück in der Danziger Bucht überlebten. Schön hat drei Bücher über die Gustloff geschrieben und die Dreharbeiten als Fachberater unterstützt. Er war die wichtigste Quelle für Rainer Berg, den Drehbuchautor. „Ich konnte beim Drehbuch auf jede Menge Material aus der Wirklichkeit zurückgreifen“, sagt Berg. „Aber die Wirklichkeit verfügt leider nicht über die Struktur eines Dramas, und deshalb habe er „ein bisschen was eingefügt“.

Zum Beispiel die Figur des Funkers Hagen Koch, eines knorrigen Ostpreußen, großartig gespielt von Detlev Buck. Der Funker Koch besteht eine Spur zu stark darauf, dass seine geliebte Cousine keinesfalls mit der Gustloff reisen soll. Er entfernt sich in Gotenhafen unerlaubt vom Schiff und trifft sich mit mutmaßlichen Hintermännern. Und er will den schicksalbringenden Funkspruch empfangen haben, die Warnung vor einem entgegenkommenden Minensucherverband. Aus Angst vor einer Kollision lässt die Gustloff Positionslichter setzen und gibt damit auch in der stürmischen, nebligen Nacht ein perfektes Ziel ab. Der Minensucher kommt nie, dafür das sowjetische U-Boot. Um 21.08 Uhr treffen drei Torpedos die Gustloff. Funker Koch, längst enttarnt vom wackeren Kapitän Kehding (Wiesinger), jagt sich eine Kugel in den Kopf. Der Kapitän bleibt bis zum Schluss an Bord und wird von einem der wenigen Rettungsboote aus der eisigen Ostsee gezogen. Später wird er erfahren, dass der Funker in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war und dort offensichtlich umgedreht wurde.

Man muss schon ziemlich blind sein, um in diesem letzten Hinweis nicht eine Anklage gegen das Nationalkomitee Freies Deutschland zu sehen. Das NKFD war ein Zusammenschluss von deutschen Kriegsgefangenen und kommunistischen Emigranten. An der Spitze standen KPD-Funktionäre wie Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck. Hauptanliegen war es, die Wehrmacht mittels Propaganda zum Niederlegen der Waffen zu bewegen. Wie weit ging das NKFD? Haben Ulbricht und Pieck die Gustloff auf dem Gewissen?

Generationen von Historikern haben dafür noch keinen schlüssigen Beweis entdeckt. Die Kapitäne der Gustloff, es waren insgesamt vier, haben das Unglück alle überlebt. Und niemand hat später von Sabotage gesprochen. „Aber dass die Rote Armee hinter der Front viele Spione absetzte, ist bekannt“, sagt Drehbuchautor Berg, außerdem habe er ja einen Spielfilm gedreht und keine Dokumentation.

Das erledigt Guido Knopp, der ZDF-Chefhistoriker. Knopp hält den Film für „sehr authentisch“. Auch, was die Sabotagetheorie betrifft? Knopp spricht von „work in progress“, sein Team forsche noch in russischen Archiven, „mal sehen, was dabei herauskommt“. Viel Zeit bleibt Knopp nicht mehr. Am 2. März und 3. März wird das ZDF seine aufwendigste Produktion des Jahres 2008 ausstrahlen.

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