ZDF-Dreiteiler "Der gleiche Himmel" : Flachlegen für den Frieden

Der ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“ erzählt eine zusammengeleimte IM-Romeo-Geschichte.

Nikolaus von Festenberg
Bei Anruf Sex. Stasi-Romeo Lars (Tom Schilling) im besonderen Einsatz.
Bei Anruf Sex. Stasi-Romeo Lars (Tom Schilling) im besonderen Einsatz.Foto: ZDF und Bernd Schuller

Der Rezensent soll vom Ende einer Fiktion schweigen. Aber im Falle des ZDF-Dreiteilers „Der gleiche Himmel“ geht das nicht. Die Produktion endet nebulös. Es hört einfach auf, wenn alles noch offen ist. Was sich die britische Drehbuchautorin Paula Milne hier wohl gedacht hat.

Gehen wir erst mal mit der Handlung mit: Dreimal 90 Minuten schickt „Der gleiche Himmel“ den Zuschauer auf eine manchmal eindrückliche, öfter aber nur zusammengeleimt wirkende historische Mauertour ins Jahr 1974, als Brandt stürzte und die BRD trotz Niederlage gegen die DDR Fußballweltmeister wurde.

Wir sind dabei, wenn der junge Ostberliner Stasi-Agent und der von den Erotikexperten Erich Mielkes zum Romeo ausgebildete Lars (Tom Schilling, „Unsere Mütter, unsere Väter“) sich aufmacht, in Westberlin die reife britische Geheimdienstangestellte Lauren (Sofia Helin) abschöpfungshalber flachzulegen. Für einen Moment scheint die Tür Richtung Satire offenzustehen, so milchbubihaft verlogen (Schilling liegt das) wird hier geflirtet.

Ben Becker spielt Stasi-Proll

Das Drehbuch will aber keinen Spaß. Plötzlich und unerwartet wird Lauren wegen eines Schlaganfalls für Spionagezwecke unbrauchbar. Der Stasi-Proll Ralf (Ben Becker), Lars' Aufpasser im Westen, eine an Eindimensionalität und Primitivität kaum überbietbare Rolle, befördert das gerade erst entflammte Bambi endgültig ins Jenseits. Und setzt Romeo auf eine andere Zielperson an: auf Sabine (Friederike Becht), die Stieftochter eines US-Geheimdienstlers, der vom Westberliner Teufelsberg herab den östlichen Funkverkehr abhört, und an dessen Seite die junge Frau arbeitet. Sabine erweist sich für den Flirtkundschafter als härtere Nuss.

Der Dreiteiler hat zwar 270 Minuten Zeit, aber keine Lust, Motivationen zu klären oder inneren Wandel plausibel zu machen. Oder überhaupt einem zentralen Handlungsstrang zu folgen. Er verliert sich und führt den Zuschauer in alle möglichen Gefilde, ohne dass ein Gesamtbild entsteht oder ein Grundgefühl. Wo nimmt „Der gleiche Himmel“ eigentlich seine epische Bräsigkeit her? Mit nachsichtiger Gemütsruhe stellt der Dreiteiler den Lars-Vater Gregor (Jörg Schüttauf) vor, einst ein gläubiger Stasist, nun, 1974, zunehmend resignierend, aber ohne Antrieb, moralische Konsequenzen zu ziehen.

In der Platte gleich neben Gregor wohnt dessen Bruder Conrad (Godehard Giese), ein Lehrer, der mit ansehen muss, wie seine kaltherzige Frau Gita (Anja Kling) aus schierem materiellen Interesse die gemeinsame Tochter Klara (Stephanie Amarell) an einen Schwimmtrainer und dessen leistungssteigernde Drogen ausliefert. Westlicher Teufelsberg und Ostberliner Platte sind vollgestopft mit Handlungssträngen. Regisseur Hirschbiegel darf nach Herzenslust von Ort zu Ort und Figur zu Figur herumspringen. Aber auch die längste Zeit für Bilder vom ost-westlichen Diwan Berlins im Jahr 1974 ist irgendwann verbraucht. Die Uhr läuft ab und trotzdem wird noch zum Ende ein die Mauer überspannendes Familiengeheimnis aufgetischt. Sabine und Lars verlieben sich, dabei sind sie Zwillinge, wie sich – wir ersparen uns die Details – märchenhafterweise herausstellt.

Der Film hört unvermittelt auf

Da wird es dem Film mit sich selbst zu viel. Er sagt dem Zuschauer unvermittelt gute Nacht. Untertitel verkünden, dass Romeo sich selbst – warum eigentlich so plötzlich? – aus dem Stasidienst entlässt und hinfort glücklich mit Zwillingsschwester Sabine zusammenleben wird, ohne je vom inzestuösen Geheimnis zu wissen. Die mit Drogen vollgepumpte Schwimmerin, so der Untertext, wird von Erfolg zu Erfolg eilen. Der Alltag hüben und drüben geht weiter, vermitteln die Untertexte.Unterm diesem gleichen Himmel ist es gleich, ob Geschichten Geschichte erklären und ob es nicht doch eine moralische Differenz zwischen Ost und West gab. Unverständlich, dass ein Fernsehen mit Anspruch so einfach die Schlussklappe fallen lässt. Nikolaus von Festenberg

„Der gleiche Himmel“, Montag, Mittwoch, Donnerstag, ZDF, 20 Uhr 15

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