ZDF-Film "Die Neue" mit Iris Berben : Kopftuch im Klassenzimmer

Was bedeutet Toleranz? Im ZDF-Film "Die Neue" reibt sich Iris Berben als Lehrerin an dieser Frage auf. Es kommt zum Eklat mit ihrer Schülerin.

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Beim Besuch in der Moschee versucht Lehrerin Eva Arendt (Iris Berben, l.), die Welt ihrer Schülerin Sevda (Ava Celik, r.) zu verstehen. Doch es kommt zum Eklat.
Beim Besuch in der Moschee versucht Lehrerin Eva Arendt (Iris Berben, l.), die Welt ihrer Schülerin Sevda (Ava Celik, r.) zu...Foto: ZDF/ Christian Schulz

Der Problemfilm oder auch Thesenfilm hat einen schlechten Ruf – in den Redaktionen der Fernsehsender und bei der Kritik. Er gilt als Quotenkiller und wird deshalb lieber nicht gedreht. Filme sollen zum Herzen sprechen, sie sollen die berüchtigten Emotionen locken, dann bleibt das Publikum dran, und das Geschäft ist gemacht. Dabei gibt es Stoffe, die eher in die These drängen als in die Gemütslage, so wie all die Religions- und Lebensstilfragen, die sich auftun, wenn Migranten aus dem Orient hier in Deutschland dazugehören sollen oder wollen. In Talkshows lassen sich solche Konflikte prima verhandeln, aber doch nicht im Fernsehfilm. Oder?

Zum Sportunterricht will sie nicht

Das ZDF hat sich ein Herz gefasst und mit „Die Neue“ den Zusammenstoß von religiöser und säkularer Lebensform in einem Klassenzimmer inszenieren lassen (Regie: Buket Alakus). Dafür musste als Titelfigur die junge Türkin Sevda (Ava Celik) her; sie trägt Kopftuch aus freien Stücken und weiß: „Selbst wenn du nicht an Gott glaubst, so glaubt doch Gott an dich“. Und auf der andern Seite haben wir die Lehrerin Eva Arendt (Iris Berben), die für den Diskurs steht, für Kritik und Aufklärung und – wie sie selbst es sieht – für die Demokratie.

Sevda hat wegen multipler Schwierigkeiten die Schule wechseln müssen; jetzt will Frau Arendt verhindern, dass es wieder so kommt. Da weigert sich die Neue, neben einem Jungen zu sitzen. Und sie sagt Nein zum Sportunterricht. Arendt versucht, sie umzustimmen, und, als sie damit scheitert, einen Kompromiss mit der Schulleitung zu erwirken. Derweil verschwindet das unnahbare Mädchen zwischenzeitlich öfter. Was treibt sie und wo? Im Keller wird ein provisorischer Gebetsraum entdeckt. Zwei Mädchen aus der Klasse erscheinen plötzlich mit Kopftüchern zum Unterricht. Der säkulare Status der Schule ist in Gefahr. Arendt, die sich bemüht hat, durch Gespräch und Verständnis das Vertrauen Sevdas zu gewinnen, ist entsetzt. Das Schulamt wird vorstellig, Arendt wird verwarnt.

Was bedeutet Toleranz?

Es ist das Drehbuch von Christoph Silber, und es ist Iris Berbens kühle Art, die aus der Kampfzone, die dieser Film etabliert, einen Schaulauf der Argumente, der Begründungen, der diskursiven Auseinandersetzung machen. Es geht um die Fragen: Was bedeutet Toleranz? Genügt sie? Wie wär's mit Anerkennung? Sevda fühlt sich frei, ihre Religion auszuüben. Aber ist sie nicht die Gefangene einer überlebten Gehorsamskultur? Dürfen wir, müssen wir nicht von Zuwanderern erwarten, dass sie sich anpassen und einfügen? Sport ist nun mal ein Schulfach in Deutschland, von dem sich keiner einfach so ausklinken kann. Und statt Volleyball zu spielen in den Keller abzutauchen, wo Teppich und Koran bereitliegen – das geht schon mal gar nicht.

Welche Grenzen müssen Sevda gezogen werden? Und wo muss man sie einfach sie selbst sein lassen? Lehrerin Arendt kämpft heldenhaft mit diesen Fangfragen, sie geht sogar mit der Schülerin in die Moschee, um die Atmosphäre dort zu spüren und Sevda noch besser zu verstehen, aber am Ende kommt es dazu, dass sie dem Mädchen vor versammelter Klasse das Kopftuch runterreißt.

Plötzlich entdeckt die Lehrer selbst religiöse Gefühle

Sevda, Kind weltlicher Eltern, die Mutter lässt ihr schönes langes Haar frei flattern, scheint in ihrer Unerschütterlichkeit („Gott glaubt an dich“) als Siegerin aus allen Kämpfen hervorzugehen. Aber da sich ihr Glaube offenkundig der Rebellion gegen das Elternhaus verdankt, darf man davon ausgehen, dass sie irgendwann doch die Welt entdecken wird. Einstweilen konstatiert der sie verehrende Mitschüler kopfschüttelnd: „Du bist eine Fanatikerin.“ Eva Arendt ihrerseits macht nicht nur an ihrem Arbeitsplatz viel durch. Die Mutter stirbt ihr weg, und der Vater, den sie nie kannte, erscheint unversehens am Horizont ihrer Lebenswelt. Die Reste religiöser Gefühle regen sich in ihr. Ja, sie versteht ihre Kontrahentin, kann aber ihr Verhalten nicht billigen. Was tun? Evas Lösung, vielleicht die einzige: reden.

Auch ein Thesenfilm wie dieser bleibt ein Film, der einem Publikum gefallen will, deshalb zaubert er am Ende eine Versöhnung herbei, die man kaufen kann oder auch nicht. Im Gedächtnis bleibt die Schärfe, mit der hier eine Unvereinbarkeit ins Zentrum gestellt wird: die zwischen Glaube und Zweifel, Gehorsam und Kritik. Und es ist tatsächlich so: Gerade in seiner etwas sturen Thesenhaftigkeit spricht der Film unbedingt auch zum Gemüt.

- „Die Neue“, Montag, 20 Uhr 15, ZDF

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