ZDF-Kabarett : Claus von Wagner und Max Uthoff übernehmen die "Anstalt"

"Neues aus der Anstalt" heißt nun einfach "Die Anstalt". Statt Frank-Markus Barwasser und Urban Priol führen nun Claus von Wagner und Max Uthoff durch die Politsatire. Mit dem Tagesspiegel sprachen sie über Anzüge, Vorbilder und den Friedensnobelpreis.

Jan Freitag
Neu, aber nicht unbekannt. „Neues aus der Anstalt“ heißt von Dienstag an nur noch „Die Anstalt“. Claus von Wagner (links) kennt das ZDF-Publikum aus der „heute-show“, Max Uthoff war seit 2011 regelmäßig in „Neues aus der Anstalt“ zu Gast. Foto: ZDF
Neu, aber nicht unbekannt. „Neues aus der Anstalt“ heißt von Dienstag an nur noch „Die Anstalt“. Claus von Wagner (links) kennt...Foto: Jürgen Nobel

Herr von Wagner, als Sie 2003 Ihre Magisterarbeit über „Politisches Kabarett im deutschen Fernsehen“ abgegeben haben, ist Dieter Hildebrandt beim „Scheibenwischer“ ausgestiegen. Gibt es da einen Zusammenhang?

WAGNER: Ich erinnere mich, aber letztlich war die Magisterarbeit nur der Versuch, im Rahmen eines eher nutzlosen Kommunikationsstudiums wenigstens lange Experteninterviews mit meinen Vorbildern Gerhard Polt, Georg Schramm, Volker Pispers und Hildebrandt zu führen. Dass der zeitgleich aufgehört hat, war aber reiner Zufall.

In welchem Zustand hat er das Kabarett hinterlassen?

WAGNER: Sendungen kamen, Sendungen gingen, der „Scheibenwischer“ aber war immer da und plötzlich nicht mehr. Das hat definitiv was verändert; 3sat hatte Richard Rogler grad abgesetzt, es gab keine „heute-show“, das ZDF war völlig blank; da wurde schon das Ende des Kabaretts im Fernsehen ausgerufen.

UTHOFF: Aber es war ja auch zuvor schon öfter totgesagt worden. Da wurde nur ein weiterer Leichensack geöffnet.

Hat es sich seither zum Besseren entwickelt?

WAGNER: Als Historiker weiß ich, dass es seit 100 Jahren Kabarett gibt, dass es immer sein Publikum finden wird. Das überträgt sich auch aufs Fernsehen, wo es mal mehr, mal weniger gute Sendungen gab, aber immer ein Angebot.

UTHOFF: Dennoch muss man es als Glücksfall betrachten, dass mit Thomas Bellut einer ZDF-Programmchef war, der das Kabarett wieder für den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag entdeckt und „Neues aus der Anstalt“ in das Programm gehievt hat. Seitdem geht es dem ZDF satirisch am besten. Manchmal muss nur mal einer etwas Pionierarbeit leisten.

WAGNER: Das sieht man auch an der „heute-show“ oder „Pelzig hält sich“.

Dessen Darsteller Frank-Markus Barwasser nebst Urban Priol nun von Ihnen beiden in der „Anstalt“ abgelöst wird. Ist das ein Generationen- oder bloß ein Personalwechsel?

WAGNER: Ach, so viel älter sind die beiden auch nicht als ich mit meinen 36 und Max mit 46 Jahren.

UTHOFF: Was unser Alter mit sich bringt, ist vielleicht, dass unsere Bühnenfiguren noch frisch, also nicht ausgereizt sind.

WAGNER: Im Unterschied zu uns waren Schramm und Priol bei ihrem Einstieg schon ziemlich populär, fast auf dem Höhepunkt; wir müssen noch mit dem Format mitwachsen.

Bringen aber schon mal eine neue Sachlichkeit hinein, indem Sie nicht wie Ihre Vorgänger Hawaiihemd und Cordhut tragen, sondern Anzug und Krawatte.

WAGNER: Ich trage den Anzug nicht, ich drapiere ihn eher so, dass der Uthoff ihn ständig richten muss. Das hat mehr mit persönlichem Geschmack als mit Inhalten zu tun.

UTHOFF: Eine Bühnenfigur versucht jedenfalls nicht zwingend vom Inhalt abzulenken, sondern eine neue Ebene zu erlangen; formale Strenge muss nicht mit inhaltlicher konkurrieren. Urban Priols Kunstfigur ist kein bisschen besessener als seine Arbeitsweise, und wenn ich einen Anzug trage, ist das auch bloß Mimikri, um eine größere Fallhöhe zu dem zu schaffen, was ich sage.

Werden Sie die Arbeit der alten Anstaltsleiter dennoch rundum erneuern?

WAGNER: Die Anstalt war leer, darüber waren wir traurig und besetzen sie jetzt neu, aber man muss nicht immer alles erneuern. Wir machen das, was uns antreibt, mit den Themen, die uns interessieren: Stichwort Finanzen oder Wachstum. Im Kabarett wird der Begriff des Neuen sowieso eingeschränkt durch den des Aktuellen.

"Kabarettisten schnitzen sich keine Misstände, sie bewerten bestehende."

UTHOFF: Kabarettisten schnitzen sich keine Missstände, sondern bewerten bestehende aus eigener Sicht heraus. Was wir da anders machen wollen, ist, einzelnen Themen mal mehr Zeit zu widmen, als alles abzuhandeln, was die Woche über in den Nachrichten von Belang war.

WAGNER: Wir werden sicher nicht monothematisch. Aber wenn es genug Stoff gibt, kann es zu längeren Abhandlungen kommen.

UTHOFF: Trotzdem sitzen wir vor jeder Ausgabe vorm leeren Blatt und beginnen es zu füllen.

Sie beide sind juristisch ausgebildet, Max Uthoff gar bis hin zum zweiten Staatsexamen. Verändert die Kenntnis des Rechts den Humor?

UTHOFF: Andersrum – man braucht Humor, um das Recht zu studieren. Aber was ich im Studium gelernt habe, ist eine gewisse Übung, Texte genau zu lesen. Da entdeckt man bei der Zeitungslektüre eher mal gewaltigen Schwachsinn, den andere für normal halten. Andererseits hat Recht nicht mal viel mit Gerechtigkeit zu tun; wie soll es da beim Verständnis von Politik helfen.

WAGNER: Bei mir war es eher die Tatsache, dass mein Vater Jurist ist. Er hat stets so strukturiert und flüssig argumentiert, dass auch ich gelernt habe, Diskussionen schärfer zu führen und mich darin zu behaupten.

UTHOFF: Im Recht wie im Kabarett geht es eben darum, seine eigene Sicht der Dinge so plausibel zu machen, dass die Zuhörer, also letztlich Richter, erst zuhören, dann zustimmen.

WAGNER: Das Schöne ist nur, dass wir sowohl die Plädoyers halten als auch urteilen dürfen.

UTHOFF: Sogar ohne die geringste Ahnung vom Thema zu haben.

Wollen Sie als Kabarettisten die Gesellschaft verändern oder nur unterhalten?

UTHOFF: Beides. Wer sich zu sehr aufs Verändern beschränkt, wird niemanden gut unterhalten und umgekehrt.

"In guter Unterhaltung steckt eine Haltung"

WAGNER: In guter Unterhaltung steckt eine Haltung. Die war mir und uns immer wichtig.

UTHOFF: Und man muss sich vor der verbreiteten Einschätzung hüten, Kabarett könne nur in Diktaturen was bewirken. Das ist gefährlicher Unfug, weil man dann, um gutes Kabarett zu wollen, die NPD wählen müsste.

WAGNER: Aber keine Sorge: Auch wenn Kabarettisten keine Angst mehr um Leib und Leben haben müssen, kann man mit den vorhandenen Missständen gut arbeiten. Die Anstalt bietet uns dafür eine gute Bühne.

Wenn man in Ihrem Alter diesen Gipfel deutschen Kabaretts erreicht hat – was kann dann überhaupt noch kommen?

WAGNER: Preise fürs Lebenswerk!

UTHOFF: Der Friedensnobelpreis, die höchste kabarettistische Auszeichnung überhaupt. Dann höre ich sofort auf, versprochen!

Das Interview führte Jan Freitag.

„Die Anstalt“, ZDF, Dienstag, um 22 Uhr 15

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