ZDF-Politsatire "Eichwald, MdB" : Facebook, Fastfood, fette Weiber

In Bonn war alles besser: Die Wege kurz, die Sitten rau - und Social Media noch nicht erfunden. Jetzt muss sich der Abgeordnete Hajo Eichwald im Berliner Politdschungel durchschlagen - ab 16. April auf ZDFneo.

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Hajo Eichwald (Bernhard Schütz, Mitte) mit seinem Team.
Hajo Eichwald (Bernhard Schütz, Mitte) mit seinem Team.Foto: ZDF

Ein Skandal muss her, so wie bei Seehofer damals, oder „zumindest was mit Nutten“. Hajo Eichwald (Bernhard Schütz) ist nicht zimperlich in der Wahl seiner Mittel, wenn es darum geht, politische Konkurrenz auszuschalten. Schließlich hat er über 20 Abgeordnetenjahre auf dem Anzugrücken, kommt noch aus dem Bonner Milieu. Früher! Da konnte man Feinden noch ungestraft Umzugskartons mit Fäkalien ins Büro schicken. Doch Berlin ist nicht Bonn. Und der abgehalfterte „Eichwald, MdB“ - Tagesspiegel-Lesern als ehemalige Kolumnenfigur unserer Samstagsbeilage Mehr Berlin bekannt - hat zunehmend Schwierigkeiten, sich in Zeiten von Facebook, YouTube und Co. in der hauptstädtischen Politsphäre zurechtzufinden.

In Bonn konnte man politischen Gegnern noch Kartons mit Scheiße schicken

Deutsche Versuche, Politik und ihre Macher in TV-Formate zu packen, waren bislang wenig erfolgreich. Das ZDF versuchte sich bereits 2005 am „Kanzleramt“, inspiriert von der US-Erfolgsserie „The West Wing – Im Zentrum der Macht“. Die Quoten blieben mau, die Kritiker beurteilten das „Kanzleramt“ als seicht und trivial. Einzig Ex-Kanzleramtschef Friedrich Bohl von der CDU outete sich als Fan. Er fand die Serie „unterhaltsam, spannend und interessant“.

Wenn Bonn nicht Berlin ist, ist Berlin nicht Washington. Deshalb versucht sich das ZDF mit „Eichwald, MdB“ (Regie: Fabian Möhrke, Buch: Stefan Stuckmann) erst gar nicht mehr an Weltpolitik. Epische Inszenierungen, Skandale und Intrigen überlässt man getrost „House of Cards“ oder „Borgen“. „Eichwald, MdB“ ist sehr sorgfältig, aber wesentlich kleiner angelegt. Es geht um den 08/15-Abgeordneten im Politikbetrieb. Das sagt auch Hauptdarsteller Schütz: „Ich wollte vor allem den Spagat zeigen, wenn ein Abgeordneter eigentlich aus der tiefsten Provinz kommt und dann Bundespolitik machen muss. Dieses Tingeln zwischen Schützenverein, Weinfest und Parlament.“

Schütz hat damit Erfahrung, sowohl privat als auch beruflich. Seine Mutter kandidierte in Leverkusen für die CDU, als er 16 war: „Sie war überall überlebensgroß plakatiert, an jedem Baum. Ich habe sie zuerst gar nicht erkannt, weil sie so schlecht retuschiert war“. Im Jahr 2000 spielte er Kanzler Gerhard Schröder in Christoph Schlingensiefs „Berliner Republik“ an der Volksbühne; tötete gemeinsam mit dem Regisseur außerdem symbolisch Helmut Kohl – eine Art „Voodoo-Ritual“ nach 16 Jahren deutscher CDU-Regentschaft. „Aber Kohl hat cool reagiert, der hat uns nicht mal angezeigt“, sagt Schütz heute. Heute: Könne man sich solche Aktionen sicher nicht mehr leisten.

Hinter jedem Facebook-Post lauert der Shitstorm

Schütz’ Figur Eichwald hadert ebenfalls mit der Moderne. Hinter jedem Facebook-Post lauert ein Shitstorm, politische Themenvorschläge sollen plötzlich in 140 Twitter-Zeichen passen. Ein wuselndes Beraterteam – authentisch, aber etwas anstrengend von nervös ruckelnden Kameras begleitet – lässt Eichwald kaum eine Sekunde Ruhe. Der MdB wirkt, ist und bleibt vor allem eines: einsam.

Macht, und sei sie nur vermeintlich, macht müde. Zynisch noch dazu. Da kann einem schon mal der Vorschlag durchrutschen, die Deutschen mit der Abbildung von „fetten Weibern“ auf Burgerschachteln vom Fastfood-Konsum abzuhalten. Dumm nur, dass der von Eichwalds Mitarbeitern ausgewählte, füllige Big-Mac-Schreck eine nicht nur millionenschwere Unternehmersgattin ist. Natürlich kein Problem, das sich nicht mit Reuebrief, Blumenbukett und Fresskorb beheben ließe. Aber die verflixten Bürger haben wegen Social Media schon wieder alles brühwarm mitbekommen.

Der Big-Mac-Schreck entpuppt sich als füllige Unternehmersgattin

„Die Öffentlichkeit skandalisiert mittlerweile jeden Scheiß“, sagt Schütz – ganz egal, ob es um Nutten oder dicke Frauen auf Burgerschachteln geht. „Diese Forderung nach einem moralisch absolut einwandfreien Politiker halte ich für Schwachsinn. Ein Politiker muss für mich eher ein Pragmatiker sein, um die Vorstellungen der Bürger organisieren zu können. Mir ist – zumindest moralisch gesehen – völlig egal, ob der zu einer Nutte geht, solange er eben gute Politik macht.“

Hajo Eichwald, das steht schnell fest, ist nicht moralisch einwandfrei. Aber verdammt unterhaltsam. Die Bonner Strickjackenmentalität hat er noch nicht ganz abgelegt, die Skrupel schon. Zum Glück für die Serie liegt Berlin nicht in Bonn.

„Eichwald, MdB“, ab 16. April donnerstags auf ZDFneo, 22 Uhr 45; ab Mai im ZDF

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