ZDFneo-Serie "Deutsches Fleisch" : "So ein kleiner Hitler steckt doch in uns allen"

In ihrer Serie "Deutsches Fleisch" nehmen Ilja Schmuschkowitsch und Willy Kramer das Deutschtum auf die Schippe. Da darf natürlich auch ein Adolf Hitler nicht fehlen. Ob sich irgendjemand daran stört, kümmert sie wenig. Denn: Satire darf alles. Nur bei zwei Dingen hört selbst für die beiden Comedy-Jünger der Spaß auf. Ein Gespräch.

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"Deutsches Fleisch" heißt eine neue Cartoon-Serie auf ZDFneo. Die Machart erinnert stark an ein US-amerikanisches Vorbild.
"Deutsches Fleisch" heißt eine neue Cartoon-Serie auf ZDFneo. Die Machart erinnert stark an ein US-amerikanisches Vorbild.Foto: ZDF

Ilja Schmuschkowitsch (34) und Willy Kramer (33) haben wohl derzeit den geilsten Job der Welt: Sie tun, worauf sie Bock haben und das Ergebnis wird auch noch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt. Möglich ist das durch das TVlab, einer Ideenschmiede des Spartensenders ZDFneo. Hier werden schon zum zweiten Mal in Folge innovative Formate entwickelt. Die Zuschauer entscheiden am Ende mit, welche Formate weiter produziert werden. Der Erwachsenen-Cartoon "Deutsches Fleisch" belegte als einziges fiktionales Format den ersten Platz im Wettbewerb und soll 2013 in Serie gehen. Schmuschkowitsch und Kramer kennen sich seit 13 Jahren, beide arbeiten im Kreativ-Bereich, öffentlich-rechtliches Fernsehen ist aber Neuland für sie. Die ZDFneo-Serie ist ihr erstes gemeinsames Projekt.

Schmuschkowitsch und Kramer sind schwer zu fassen - nicht zum Interview, dazu erklären sie sich sofort bereit und nehmen sich auch mitten am Tag eine gute Stunde Zeit. Schwer zu fassen ist ihre Art von Humor. Denn der bewegt sich - und zwar rasend schnell - zwischen Anspruch und Nonsense, zwischen Fäkalwitzen und Sozialkritik. Da bekommt jede Ebene nicht nur eine Meta-, sondern obendrauf noch eine Super-Meta-Ebene. Das Feuerwerk aus absurden Ideen, Running-Gags und Insider-Witzen nimmt keine Rücksicht auf Verluste. Die Frage nach dem Sinn ist sinnlos. Denn wer den Seitenhieb sieht, der wird von ihm auch nicht vom Hocker gerissen. Soll heißen: Wenn du nicht lachst, bist du keiner von uns. Weitere Erklärungsversuche zwecklos.

Angelehnt ist das Konzept der Serie an US-Vorbilder wie "Family Guy", "Die Simpsons", "South Park", und so weiter. Im Zentrum stehen vier Freunde: Ein abgehalfterter Baron, ein esoterisch angehauchter Jesus-Typ und sein böser Zwilling, ein Ex-Kindersoldat, ein dicker Nerd und eine Ex-Pornodarstellerin. Und wo sind da die deutschen Klischees, die Schmuschkowitsch und Kramer "durch den Fleischwolf" drehen wollen? Die kommen vor allem in den scheinbar völlig aus dem Kontext gerissenen Nebenhandlungen zum Vorschein. Den Hitler-Vergleich - bekanntlich ein beliebtes Stilmittel, um politische Gegner nieder zu mähen - treiben die Macher mit der Vorstadt-Vorzeige-Familie "die Hitlas" auf die Spitze (mehr dazu im Interview). Was der Zuschauer gar nicht sieht und nur vielleicht begreifen kann: Die Drehbuchschreiber haben einen Plan. Behaupten sie zumindest.

Die Pilotfolge kann man online anschauen.

TSP: Vor der Abstimmung im TVlab musstet ihr zuerst das ZDF von eurer Idee überzeugen. War das schwer?

KRAMER: Wir hatten uns ein Format ausgedacht, das moralisch und humormäßig jeden Rahmen sprengen sollte. Da haben wir uns natürlich auch gefragt: Wer soll denn so was senden? Da gab es nicht viele, die in Frage kommen. Offensichtlich haben die Leute von ZDFneo aber tatsächlich etwas in dieser Richtung gesucht. Letztendlich war es also nicht schwer, sie davon zu überzeugen. Die mochten das sofort.

TSP: Auch bei den Zuschauern kam das Konzept gut an, ihr habt die Abstimmung mit großem Abstand gewonnen. Was schließt ihr daraus?

KRAMER: Die Leute wollen was Neues. Wer braucht schon das hundertste Reality-Format? Auch wenn man die Köche in die Wildnis schickt, bleibt es immer noch eine Kochsendung. Die Zuschauer merken das, die sind doch nicht doof.

SCHMUSCHKOWITSCH: Man muss da auch ehrlich sagen, dass wir von den Zuschauern einen großen Vertrauensvorschuss bekommen haben. Die setzen Hoffnungen in unser Produkt. Das ist natürlich auch eine Form von Druck.

TSP: Die Einschaltquoten waren nicht gerade überzeugend.

SCHMUSCHKOWITSCH: Es ist auf jeden Fall ein Zeichen, dass wir offiziell nur drei Leute in ganz Deutschland erreicht haben. Ich glaube aber, die meisten haben uns schon online gesehen. Die GfK-Zahlen sind also nicht besonders aussagekräftig.

KRAMER: Ich glaube sogar, dass die Zielgruppe online für einen Spartensender wie ZDFneo zehnmal interessanter ist, als der durchschnittliche Fernsehzuschauer. Die sind viel aktiver. Außerdem entfalten Serien ja erst mit der Zeit ihre Wirkung. Aber irgendwann hat man die Leute dann am Haken und sie werden süchtig.

TSP: Warum heißt die Serie denn "Deutsches Fleisch"?

KRAMER: Weil wir wollten, dass uns jeder Journalist die gleiche Frage stellt.

SCHMUSCHKOWITSCH: "Deutsches Fleisch" soll ein Überbegriff sein für alles, was Deutschland ausmacht, im Guten wie im Schlechten - was Popkultur angeht, was Traditionen angeht, was gesellschaftliche Strömungen angeht. Eine gewisse Doppeldeutigkeit ist gegeben durch die Imbissbude als Haupt-Schauplatz. Dort werden frittierte Häschen verkauft.

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