Zeitenwende im Internet : Das alte Netz ist Geschichte

Mobiles Internet und Social Media verändern die Art, wie wir Inhalte wahrnehmen. Blogger warnen vor den Folgen, wenn die Sicht auf die Welt von wenigen Diensten bestimmt wird.

Philipp Sickmann
150 Mal schauen Smartphone-Besitzer pro Tag auf das Handy-Display, häufig öfter als in das Gesicht ihrers Partners.
150 Mal schauen Smartphone-Besitzer pro Tag statistisch gesehen auf das Handy-Display, häufig öfter als in das Gesicht ihrers...Foto: dpa

Die Analyse des iranisch-kanadischen Bloggers Hossein Derakhshan zum Status quo des Internets hat in der digitalen Sphäre hohe Wellen geschlagen: „In der Vergangenheit war das Netz mächtig genug, um mich ins Gefängnis zu bringen“, schreibt er. „Heute scheint es kaum mehr als Entertainment zu sein.“ In seinem Beitrag „The Web We Have To Save“, erschienen auf Medium.com, kritisiert er die Entwicklungen unserer Zeit: Die vorherrschenden sozialen Netzwerke würden den Hyperlink entwerten, der allgegenwärtige Stream sei nun die dominante Form, um Informationen zu organisieren. Durch die Konzentration auf einige ausgewählte Plattformen seien Inhalte leichter zu kontrollieren als noch vor wenigen Jahren.

Was die Kritik so eindrucksvoll macht, hängt nicht nur mit dem Inhalt, sondern auch der Person Derakhshans zusammen. Im vergangenen Jahrzehnt prägte er die Entwicklung der iranischen Blogosphäre. 2008 wurde er für seine Online-Aktivitäten zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Nach sechs Jahren kam er frei – doch das Internet hatte sich radikal gewandelt. Diese sechs Jahre seien online „ein ganzes Zeitalter“ gewesen. Der Wandel, der für Normalnutzer schleichend verlief, traf ihn wie der Schlag. Seiner Kritik liegt zudem eine brisante Idee zugrunde: Wenn Derakhshan vom „Netz, das wir erhalten müssen“ spricht, bringt er damit das „alte“ gegen das „neue“ Web in Stellung.

Mehr Suchanfragen von Smartphones als von Computern

Der Techblogger Martin Weigert (meshedsociety.com) macht zwei Trends aus, die den Medienkonsum radikal verändern: das Mobile Web und die sozialen Netzwerke. Die Bedeutung beider hat in jüngster Vergangenheit extrem zugenommen. Dem Marktforschungsinstitut eMarketer zufolge nutzten 2014 über 35 Millionen Deutsche mobiles Internet. In einigen Ländern, darunter die USA und Japan, registrierte Google in diesem Jahr mehr Suchanfragen über Smartphones als über Desktop-Computer. Weltweit verzeichnen Dienste wie Facebook, Google+, Whatsapp und Youtube mehr als eine Milliarde Downloads allein auf Android-Telefonen. Und bei einer Umfrage in südostasiatischen Ländern gaben manche Teilnehmer an, sie nutzten Facebook, aber kein Internet – dass das eine die Grundlage des anderen ist, kam ihnen offensichtlich nicht in den Sinn.

Das mobile Netz bezeichnet Weigert als eine „neue Form“, die andere Nutzungsmuster mit sich bringe. Die meisten Smartphonebesitzer nutzten nur eine kleine Auswahl an dominierenden Apps. Dies habe zur Folge, dass viele immer seltener auf die Beiträge von Blogs und Nischenpublikationen stießen, die im Browserweb publizierten.

Das klingt nach dem altbekannten Phänomen der Filterblase, in der jeder Nutzer nur den eigenen maßgeschneiderten Kosmos an Informationen sehen kann. Derakhshan geht in seiner Kulturkritik noch weiter: Das Lesen im Netz habe sich verändert. Das Medium ähnele inzwischen dem Fernsehen: „Linear, passiv, vorprogrammiert und selbstbezogen.“

Apps füttern uns direkt ihren Info-Stream, während das auf Mobiltelefonen suboptimale Browserweb vergleichsweise ungern genutzt wird. Die Nussschale der Netzwerke wird kaum noch verlassen; auf Facebook schreiben User die Auflösungen von Clickbait-Headlines in die Kommentare („Für die Faulen“), auf Instagram ist das Verlinken zum Rest des WWW stark erschwert. Hyperlinks, die Nervenfasern des alten Webs, verlieren an Bedeutung. Im Mai kündigte Facebook mit Instant Articles einen Dienst an, mit dem etablierte Medienhäuser ihre Artikel direkt auf der Seite des sozialen Netzwerks veröffentlichen können. Dies könnte den Effekt noch verstärken.

Für Blogger René Walter sind die eingeschränkten Möglichkeiten, abseits von Liken und Retweeten im mobilen Internet zu agieren, das Kernproblem: „Das spaltet Digitalität in Konsument und Produzent.“ Ihn überzeuge das mobile Netz nicht. „Ich glaube, es gibt eine ganze Menge Leute, denen das reine Fressen nicht genug ist“, so Walter. „Die Youtube-Generation ist es gewohnt, produzierend teilzunehmen.“

Die einstige Euphorie um Nerd- und Digitalkultur – die Erfolge der Piratenpartei sind gerade drei Jahre her – scheint wie weggeblasen. Doch es steckt wohl mehr dahinter als Netzkulturpessimismus. Blogger, Programmierer und Digitalexperten produzieren und kuratieren Inhalte fürs Web und haben oft ein Gespür für bevorstehende Umwälzungen. Die Informatikerin und Sachbuchautorin Constanze Kurz sagt, sie könne nachvollziehen, dass werbefinanzierte Plattformen wie Facebook gern genutzt werden. Die Angebote seien bequem. Zudem seien Tablets und Mobiltelefone sehr benutzerfreundlich geworden. Für Anhänger des Browserwebs gebe es auf der anderen Seite weiterhin genügend Alternativen.

Sie habe allerdings auch den Eindruck, viele Nutzer, die heute heranwachsen, würden „keine anderen Netzwerke mehr kennen außer irgendwelchen Dienstleistungen“. Für diese müsse man sich keine Technikkompetenz mehr aneignen, während Kurz' Generation damals noch „viel bauen musste“. Wer jetzt mit dem Netz aufwächst, lerne nicht mehr diese Form der Kontrolle über eigene Inhalte kennen. „Die Denke ist bei vielen nicht mehr da – auch nicht mehr der Wunsch.“

Kurz, die auch bei Netzpolitik.org tätig ist, sieht ebenso wie Derakhshan eine Gefahr im zentralisierten Internet, in dem intransparent operierende Unternehmen über Zensur und Sichtbarkeit von Inhalten bestimmen. Die Folgen zeichnen sich schon heute ab: Unlängst beschwerten sich Nutzer, dass sie Hetzbeiträge gegen Flüchtlinge gemeldet hätten, doch Facebook diese nicht entferne. Dort entscheidet das sogenannte Community Operations Team, was volksverhetzend ist – und deshalb gelöscht wird – und was nicht. Umgekehrt sperrte der Social-News-Aggregator Reddit den Zugang deutscher User zu einem seiner kontroversen Unterforen, weil eine Beschwerde der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien vorlag. Die Sperrung war rechtlich nicht bindend für die US-Seite; Reddit – eine selbsternannte „Bastion der freien Meinungsäußerung“ – handelte offenbar vorbeugend.

Anfang August konstatierte Jennifer Granick auf der IT-Sicherheitskonferenz Black Hat, der Traum der Freiheit des Internets, in dem Alter, Geschlecht und Klassenzugehörigkeit keine Rolle spielten, liege im Sterben. „Es ist nicht nur weit weniger revolutionär, als wir gehofft haben. Es ist viel schlimmer“, so die Direktorin für bürgerliche Freiheiten am Stanford Center for Internet and Society.

Wie geht es nun weiter?

Derakhshan schreibt, die Reaktionen auf seinen Artikel zeigten, viele Menschen seien „bereit für neue Ideen“. Als beste Lösung sehe er, den Einfluss des Hyperlinks wiederzubeleben. Granick fordert gar eine Revolution gegen das zentralisierte, überwachte Netz: „Wir müssen bereit sein, es zu zerstören und etwas Neues und Besseres zu erschaffen.“

Entsprechend fällt Weigerts Fazit aus: „Das alte Netz ist Geschichte.“ Er möchte dies jedoch nicht wertend verstanden wissen. Constanze Kurz will hingegen das alte Web noch nicht abschreiben. An der grundlegenden Technik habe sich nichts geändert, sagt sie. Es gebe außerdem Bewegungen zur Dezentralisierung, und gerade in Deutschland beobachte man die Veränderungen bislang kritisch.

Das Internet ist mittlerweile im Alltag fast aller Bürger angekommen. 2015 könnte das Jahr werden, in dem der radikale Wandel des noch jungen Mediums langsam ins öffentliche Bewusstsein tritt. Eine Zeitenwende des WWW haben wir laut Kurz jedoch nicht erreicht. Die, sagt sie, stehe erst noch bevor.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben