Zeitung : Herbst vorm Balkon

Kostenlos und absolut unkäuflich: Der Berliner "Scheinschlag", eines der letzten authentischen Zeitungsprojekte aus DDR-Wendezeittagen, erscheint nicht mehr.

Kerstin Decker

Bis eben lag er in den Kneipen Berlins, auf Ladentheken und dort, wo die Redakteure sonst noch meinten, dass man ihn unbedingt lesen sollte. Meist brachten sie ihn selbst vorbei. Zeitungsjunge, Autor und Redakteur – beim "Scheinschlag" war jeder alles. Und es konnte eigentlich fast jeder alles werden, einen grenzenlosen Idealismus und wenig sonstige Bedürfnisse vorausgesetzt. Kostenlos, das wussten natürlich auch die Scheinschläger, ist nichts im Leben. Ihre Arbeit war es trotzdem beinahe. Ihre Zeitung war es auch. Kostenlos wie jedes Anzeigenblatt, und doch war der "Scheinschlag" das genaue Gegenteil eines Anzeigenblattes. Er war absolut unkäuflich, wie seine Erfinder.

Der "Scheinschlag", neben dem "Freitag" wohl das letzte authentische Zeitungsprojekt aus DDR-Wendezeittagen, erscheint nicht mehr. Vorerst nicht. Nie mehr, steht in den Augen des Fotografen und langjährigen "Scheinschlag"-Fotoredakteurs Knut Hildebrandt. Ein sehr, sehr kleines zukunftsvolles "Wer weiß?" klingt am Telefon in der Stimme des "einjährigen" Textredakteurs Tobias Höpner.

Knut Hildebrandt sitzt im Café "Im Nu" am Helmholtzplatz, Prenzlauer Berg. T-Shirt, sonnengebräunte Haut, fast wie ein Mallorca-Urlauber, einer von Hildebrandt gewiss tief beargwöhnten Spezies Mensch. Der Fotograf kann das jetzt, am helllichten Tage in Cafés sitzen – die "Scheinschlag"-Redaktionsräume in der Ackerstraße sind geschlossen, das Telefon ist abgemeldet, die letzte Party gefeiert. Die öffentlichen Redaktionssitzungen in der Kneipe "Village Voice" sind Geschichte. Demnächst wird der "Club der polnischen Versager" in der Ackerstraße einziehen. Ein würdiger Nachfolger. Denn alles im Leben ist eine Frage des Stils. Auch das Versagen. Oder eben das Aufgeben einer mit großen Hoffnungen begonnenen Zeitung im 18. Nachwendejahr.

Das freie, von keinem Fremdkalkül gebeugte Wort

Mit eigener Stimme sprechen, der Wendezeittraum! Der "Scheinschlag", Auflage 25.000 Exemplare, in den besten Zeiten sogar 30.000, finanziert über Spenden, Anzeigen, manchmal auch mit öffentlicher Förderung, führte nie "Scheinschläge". Eigentlich sollte er ohnehin "Steinschlag" heißen. Gewissermaßen als Verweis auf seine journalistische Schlagkraft, schließlich durften die "Rolling Stones" auch "Rolling Stones" heißen, und außerdem war sein erstes Domizil in der Steinstraße in Mitte. Der "Steinschlag" aus der Steinstraße – das hätte gepasst; aber andererseits war Berlins Polizei zur Zeit dieser wie vieler anderer Zeitungsgründungen gerade damit beschäftigt, die besetzten Häuser in der Mainzer Straße in Friedrichshain zu räumen. Mit einem Steinewerfer-Blatt wollte man nicht verwechselt werden. Schließlich kamen fast alle Mitgründer von irgendwelchen runden, also absolut gewaltfreien Tischen der Wende. Von dort kam auch die journalistische Utopie: das freie, allgemein zugängliche (also kostenlose und in hoher Auflage gedruckte), von keinem Fremdkalkül gebeugte Wort.

Schon 1990 zeigte sich, dass die neue Wirklichkeit keineswegs wie ein runder Tisch funktionierte, ja das Beispiel Mainzer Straße zeigte sogar, dass sie bedenklich anders funktionieren konnte. Aber nie wieder sollte es so sein wie früher in der DDR. Künftig wollte man wenigstens kommentieren dürfen, was mit einem passierte. Und das wird nicht wenig sein, hat der Urvater des "Scheinschlags", Willi Ebentreich, den anderen prophezeit. Er musste das wissen, schließlich war er West-Berliner.

Hier in der Nähe des Helmholtzplatzes ist Hildebrandt geboren. Hier steht auch das Eckhaus, in dem Andreas Dresen "Sommer vorm Balkon" gedreht hat, gewissermaßen den Begleitfilm zum jahrzehntelangen Hauptthema des "Scheinschlags": Wie alles anders wird, besonders in Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain, aber anders anders, als man dachte.

Neue Häuser, neue Menschen! Hildebrandt schaut sich um. Zu viele neue Menschen, zu viele Touristen, die den "Scheinschlag" nicht mehr brauchen? Hildebrandt nennt sie auch herablassend die "Milchkaffeetrinker", dabei hat er sich selbst einen bestellt. Zu viel Schaum obendrauf? Zu undurchsichtig das Ganze? Die wenigsten Menschen sind so unbedingt authentisch wie seine Zeitung. Vielleicht hat der "Scheinschlag" einfach seine "historische Mission" erfüllt, eine letzte öffentliche Finanzierung lief auch aus. Keine Robin-Hoodiade dauert ewig. Hildebrandt blinzelt in die Sonne. Kann schon sein. Er hat seine "historische Mission" auf jeden Fall erfüllt. Seit 1995 ist er dabei. Hildebrandt, 42 Jahre alt, der Dinosaurier unter den "Scheinschlag"-Redakteuren. Von der "Gründer"-Generation ist keiner mehr da. Hildebrandt, wie alle Scheinschläger ein Virtuose der Selbstausbeutung, hätte ohnehin aufgehört jetzt. Auch weil man nicht sein ganzes Leben lang nicht an sich denken kann.

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