Zu PAPIER gebracht : Das Jahr der MOOCs

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Was wird das Internet-Phänomen des Jahres? Vergessen Sie für einen Moment mal Twitter und Facebook. Ausgerechnet im Bereich höherer Bildung überrascht uns das Netz mit einem neuen Phänomen: den MOOCs. Die „New York Times“ hat das Akronym zum Schlagwort 2012 gekürt. Es steht für „Massively Open Online Courses“. Damit bezeichnet man Lehrveranstaltungen, die den Hörsaal durch Online-Videos ersetzen und dort schwierige Fachthemen für Neugierige kurzweilig aufbereiten. Ohne große Mühe kann man so dem anregenden Dialog zweier Kunsthistoriker über ein Cimabue-Bild lauschen oder sich mit Filzstift-Animationen unterhaltsam in Grundfragen der Statistik einführen lassen.

Aufsehen erregt hat das Ganze erstmalig im Frühjahr 2012, als der Google-Mitarbeiter Sebastian Thrun die Online-Lern-Plattform Udacity aus der Taufe hob. 160 000 Leute meldeten sich zu den Kursen zu „Künstlicher Intelligenz“ an. Thrun treibt auch das Lieblingsprojekt der Google-Gründer nach vorne, das fahrerlose Auto, er unterrichtete das Thema selbst: „Kurs CS 373: Programming a Robotic Car“.

Lernumgebungen wie Coursera, edX, die Khan Academy oder eben Udacity verstehen sich als Erweiterung der Universität in die Weiterbildung. Deshalb sind die Angebote oft eng mit Universitäten verbandelt: edX arbeitet etwa mit Schwergewichten wie Harvard und Berkeley zusammen. Denkt man einmal an die eigenen Universitätserlebnisse, macht es aus deutscher Perspektive Sinn, so etwas ebenfalls auch hier in den Unibetrieb aufzunehmen, in unseren Massenuniversitäten „fernguckt“ man den Professor eh. Tatsächlich sind bereits erste Versuche am HassoPlattner-Institut der Universität in Potsdam gestartet. Von 13 126 Lernenden haben immerhin 2137 den Kurs „In-Memory Data Management“ mit einem Zertifikat abgeschlossen. Am 9. Januar wird die Leuphana-Universität in Lüneburg folgen, die für das Projekt den Architekten Daniel Libeskind gewonnen hat. Unterstützt von einem Team aus Professoren will er öffentlich über die ideale Stadt des 21. Jahrhunderts nachdenken, erstmalig in Deutschland wird die Teilnahme auch beim Studium angerechnet. Was interessant ist, denn für die Leuphana-Studenten bekommt damit der Hörsaal eine neue Rolle: Dort erschallen anstelle der Vorlesung dann die Fragen der Studenten. Wie das Angebot aufgenommen wird, bleibt abzuwarten. Guckt man tiefer unter die digitale Motorhaube der amerikanischen Lernangebote, merkt man schnell, dass oft nur einige hundert Lernhungrige die Kurse bis zum Ende belegt haben. Wenn man einfacher an Lernstoff kommt, ist das gut. Chancengleichheit entsteht aber trotzdem nicht von selbst, denn zum Lernen gehört mehr als nur frei verfügbarer Lernstoff. Dennoch ändert sich Bildung – und damit ist MOOC auch ein vielversprechender Kandidat für das Schlagwort des Jahres 2013.

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