Zu PAPIER gebracht : Digitale Entschleunigung

Eine erstaunliche These: Die Veränderung der digitalen Welt wird sich verlangsamen. Das Netz des Jahres 2045 wird sich nicht sehr vom Internet des Jahres 2015 unterscheiden.

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Werner van Bebber
Werner van BebberFoto: Kai-Uwe Heinrich

Bei dem Tempo, mit dem die digitale Revolution die Welt verändert, ist es kein Wunder, dass so viele Leute Entschleunigung predigen. So etwas wie eine Geschwindigkeitsbegrenzung für diese Revolution scheint es nicht zu geben: Fachleute sagen ganzen Berufsgruppen den Exitus voraus, Start-up-Gründer und App-Erfinder verändern den Alltag mit Macht. Der digitale Geschwindigkeitsrausch hat indes nicht allen Leuten die Sinne vernebelt. Vor ein paar Tagen kam John Markoff, Fachmann der „New York Times“ für Wissenschaft, Technologie und das Silicon Valley, mit einer starken These: Die Entwicklung des Netzes, die Veränderung der digitalen Welt, werde sich verlangsamen. Das Netz des Jahres 2045 werde sich nicht sehr vom Internet des Jahres 2015 unterscheiden.

Nun ist es mit den seherischen Fähigkeiten von Journalisten so eine Sache. Aber Markoff nennt gute Gründe für seine Erwartung. Erstens will er beobachtet haben, dass ein starker Antrieb der schnellen Netzentwicklung seine Kraft verliert, das sogenannte Moore’sche Gesetz. Dessen Erfinder, der Ingenieur und Mitgründer des Chip-Unternehmens Intel, Gordon Moore, hatte als Trend erkannt, dass sich die Leistung von Chips in 18 bis 24 Monaten verdoppeln lässt. Immer mehr Rechenleistung für immer schnellere Prozessoren: Das war fünfzig Jahre lang eine wesentliche Antriebskraft der digitalen Revolution. Inzwischen erwarten immer mehr Fachleute, auch Moore selbst, dass die Leistungssteigerungsthese bald nicht mehr gilt.

Das sind die Zeiten, in denen die Politik die Netzrevolution steuern kann

Die zweite Kraftquelle der digitalen Revolution waren technische Erfindungen; Markoff nennt als jüngstes Beispiel das Smartphone, das unseren Umgang mit der (digitalen) Welt gründlichst verändert (hat). Aber Technik mit derart starker Wirkungsmacht wird nicht im Jahresrhythmus erfunden, sondern dem Silicon-Valley-Bewohner Markoff zufolge eher alle zehn Jahre. Für unseren digitalen Geschwindigkeitsrausch, der viele schwindelig macht, bedeutet das: Phasen neuer Nüchternheit stehen bevor, Zeiten der Entschleunigung, in denen man anhalten und sich fragen kann, wie viel Revolution dem eigenen Leben und der Welt um einen herum eigentlich guttut.

Das sind die Zeiten, in denen die Politik die Netzrevolution steuern kann. Zwei kleine Berliner Beispiele dafür, dass sich das lohnt: Das AirBnB-Business mit den Ferienwohnungen ist als Problem erkannt; mit der Demokratien eigenen Langsamkeit geht die Politik gegen die Ferienwohnungsproblematik vor. Zweites Beispiel: Der einstweilen gescheiterte Angriff von Uber auf die Taxibranche. Man sieht: Revolution ist möglich – deren Entschleunigung aber auch.

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