Zur Rolle der Schauspieler-Agenturen : Nur wer reingelassen wird, ist drin

Es ist wie beim „Kir Royal“-Motto. Die Fernsehsender besetzen nur die ohnehin prominenten Namen, klagen Schauspieler-Agenturen.

Jörg Seewald
Für den Grimme-Preis 2016 nominiert. In Matti Geschonnecks ZDF-Film „Ein großer Aufbruch“ spielen Matthias Habich (li.) und Edgar Selge beste Freunde.
Für den Grimme-Preis 2016 nominiert. In Matti Geschonnecks ZDF-Film „Ein großer Aufbruch“ spielen Matthias Habich (li.) und Edgar...Foto: ZDF und Walter Wehner

„Das Wichtigste sind immer die Schauspieler.“ Der Satz von Regisseur George Tabori empfängt den Besucher der Münchner Schauspieleragentur Carola Studlar. Sie gehört zu der Handvoll Agenturen, die am Freitag gemeinsam „Full House“ betreiben, den Empfang dieser Branche auf der Berlinale. „Das Event ist mittlerweile als eine der zentralen Veranstaltungen etabliert und wird von sehr vielen interessanten Leuten besucht“, untertreibt Lutz Schmökel, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Agenturen VdA und einer der Agenten von Sigrid Narjes’ Agentur above the line.

Zusammen mit den Berliner Agenturen Players, die agenten (Elyas M’Barek), Höstermann sowie Marlis Heppeler (München, Franka Potente, Laura Tonke) könnte das Stelldichein der Stars unter dem alten Kir-Royal-Motto stehen: „Nur wer reinkommt, ist drin.“ Das weiß die Branche und deswegen ist die höchste Kunst einer Carola Studlar oder von Players-Chefin Mechthild Holter das Neinsagen. Nahezu jeder aufstrebende Schauspieler möchte von ihnen unter Vertrag genommen werden, wohl wissend, dass hier Beziehungen zusammenlaufen, an deren Ende im Idealfall preisgekrönte Filme stehen.

Offiziell will keine der Agenturen so viel Macht haben, dass man allein aus dem eigenen Stall ganze Filme besetzen würde, aber bei genauem Hinsehen sind dann unschwer Produktionen auszumachen, deren Hauptcast vor allem von einer der renommierten Agenturen bestückt wurde. Dass Players-Chefin Mechthild Holter längst eine eigene Abteilung hat, die Stoffe für ihre Schauspieler (u. a. Moritz Bleibtreu, Daniel Brühl, Jan Josef Liefers, Nina Hoss, Marie Bäumer) entwickelt, ist kein Geheimnis.

Mit Macht habe das aber nichts zu tun

Carola Studlar setzt auf die seit der Agenturgründung 1990 entstandenen Kontakte zu Redakteuren, Produzenten, Autoren und Regisseuren. Was daraus entsteht, ist dann im besten Fall bei der „Goldenen Kamera“ zu bewundern, wo mit Hauptdarsteller Matthias Habich, Ulrike Kriener und Edgar Selge gleich drei Studlar-Schützlinge unter Regie von Matti Geschonneck in „Ein großer Aufbruch“ (ZDF) so preiswürdig agierten, dass der Film auch für den Grimme-Preis nominiert ist. Heute Abend freuen sich mit Barbara Auer und Julia Koschitz zwei weitere Studlar-Schauspielerinnen auf ihre Berlinale-Premiere von „Jonathan“.

Mit Macht habe das aber nichts zu tun, sagt Carola Studlar. „Im Idealfall wird man in einem frühen Stadium in ein Projekt eingebunden und im stetigen Austausch mit allen Beteiligten kommt dann die beste Besetzung zustande. Ich zögere auch nicht, den Schauspieler einer anderen Agentur zu empfehlen, wenn ich das Gefühl habe, dem passt die Rolle besser.“ Die Münchnerin kann sich so viel Großmut leisten. Ihre knapp 50 Schützlinge sind gut im Geschäft und wenn es sein muss „und ich habe das Gefühl, jemand ist überarbeitet“, verordnet sie auch mal eine mehrmonatige Auszeit.

Dass nicht alle so verantwortungsvoll mit ihren menschlichen Ressourcen umgehen, zeigt der Ausspruch eines einflussreichen Produzenten, der nicht genannt werden will: Manche Agenten kämen ihm vor „wie Zuhälter, die so viel Kohle wie möglich“ aus ihren Klienten ziehen wollten. Zehn Prozent von der Bruttogage gehen an die betreuenden Agenten.“

Aber auch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass seit geraumer Zeit eine Konzentration auf ganz große Namen stattfindet. Aus der Hamburger Agentur die agenten (Ulrich Noethen, Katja Riemann) heißt es, mancher Redakteur beschränke sich auf drei große Frauennamen in seinen Prime-Time-Filmen.

„Die Macht mancher Redakteure ist so gewachsen, dass sie sogar Filme platzen lassen, wenn sie nicht ihre A-Schauspieler bekommen.“ Wer in diese Riege gehört, verrät Lutz Schmökel: „Als A-Namen fallen mir spontan Matthias Brandt, Maria Furtwängler, Silke Bodenbender, Iris Berben, Heino Ferch und mittlerweile auch Julia Koschitz oder Lisa Maria Potthoff ein.“ Schmökels Motto: „Ein Agent ist so gut wie seine Klienten“.

„Ich liebe Schauspieler. Vor allem, wenn sie sich was trauen.“

Schmökels Agentur Above the line betreut mit sieben Agenten über 250 Klienten, darunter auch Kameraleute, Regisseure, Autoren und natürlich Schauspieler. „Wir tauschen uns sehr schnell und unkompliziert aus.“ Was auch nötig ist, denn mittlerweile pfeife ein rauer Wind im Geschäft: „Neben der Gage müssen mittlerweile immer mehr Rahmenbedingungen und Details wie Arbeitsbedingungen, die Hotelunterbringung oder Verpflegung schärfer verhandelt werden, die früher selbstverständlich waren“, was vor allem für Schauspieler aus dem Nachwuchsbereich oder dem Mittelfeld gelte.

Um dagegen anzukommen, müssten die Agenturen viel solidarischer sein, sagt eine Kollegin, die nicht genannt werden will. Aber davon sei man in Deutschland nun weit entfernt. Wirklich ergebnisoffene Redakteure gebe es nicht mehr so häufig, aber Liane Jessen vom Hessischen Rundfunk und Cornelia Ackers vom Bayerischen Rundfunk empfinde man als „sehr positive Partner“.

Liane Jessen ist die Redakteurin, die Ulrich Tukurs preisgekrönten „Tatort“-Parforceritt „Im Schmerz geboren“ zu verantworten hat und so lustvoll wie wenige sonst ihren Job interpretiert: Seit sie 2000 vom ZDF, das sie als „sehr hierarchisch“ empfand, zum HR ging, rocken hier immer wieder die Filme: Der einfache Grund: „Wir machen unsere Filme selber. Das gibt es sonst in ganz Deutschland nicht.“ Ein privilegierter Job wie wenige sonst: „Als unkündbarer Redakteur ist es unsere Verpflichtung, über Grenzen zu gehen bis sie uns den Saft abdrehen“, findet Jessen, was natürlich auch beinhalte, auf neue Gesichter zu setzen.

Kein Zufall, dass die HR-Fernsehspielchefin fast Mantra-artig den Satz sinngemäß wiederholt, der einen bei Studlar empfängt: „Ich liebe Schauspieler. Vor allem, wenn sie sich was trauen.“

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