Medien : Zur See

Erik Heier

Das DDR-Fernsehen war schuld am „Traumschiff“. Dass westdeutsche Hausfrauen Anfang der 80er Jahre massenhaft dem öligen Charme eines seewindgescheitelten Stewards verfallen durften, verdankten sie dem sozialistischen Frachtschiff „MS Fichte“. „Traumschiff“-Erfinder Wolfgang Rademann hatte sich das Sujet vom Anfang 1977 im Ersten DDR-Programm angelaufenen Neunteiler „Zur See“ abgeguckt. Nur dass auf der „Fichte“ eben nicht Sascha Hehn Wunderkerzencocktails reichte, sondern sich wackeres Handelsflottenpersonal mit der Bierflasche den Schweiß von der Werktätigenstirn wischte. Das nennt man wohl System-Unterschied.

Noch immer wird „Zur See“ gelegentlich beim MDR versendet. Mit 260 Drehtagen und 150 Rollen gilt die Serie als eine der aufwändigsten DDR-Produktionen. Und eine der besten. Regisseur Wolfgang Luderer und Autorin Eva Stein hatten der ersten DDR- Schauspielergarde Reisefreiheit gewährt: Horst Drinda als Kapitän Karsten, Günter Naumann als „Chief“, Jürgen Zartmann als Bootsmann, Günter Schubert als Matrose Thomas. Wer nicht gerade Systemkritik erwartet, wird auch heute noch gut unterhalten. Da macht dem sächsischen Koch Detlev auf seiner ersten Reise nicht nur der Spottname „Bulettenschmied“, sondern auch hartnäckiger Brechreiz zu schaffen. Thomas legt sich für den Ochsen „Max“ mit der fleischlustigen Besatzung an. Und dem Chief droht die Scheidung, wenn er sich nicht einen Job an Land besorgt – was natürlich nicht gut gehen kann, weil ein Seemann bekanntlich auf See gehört. Und dass der „Genosse Kapitän“ den Abwerbungsansinnen des Klassenfeindes trotzt – logisch. Macht ja keiner, so was. Von so viel Realismus zeigte sich auch das Verkehrsministerium erbaut und huldigte 15 Künstlern mit der „Verdienstmedaille der Seeverkehrswirtschaft“.

Übrigens hat die DDR später das Traumschiff gekauft – das Luxusschiff selbst, nicht die Serie. Womit der Kreis sich geschlossen hat, sozusagen.

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