Zustand der Talkshow im deutschen Fernsehen : Empört Euch!

Das Fernsehen braucht die politischen Talkshows. Was aber brauchen die Fernsehzuschauer? Matthias Kalle wird das Gefühl nicht los, dass der Sinn und Zweck von Talkrunden darin besteht, ein schon vorhandenes Empörungspotenzial beim Zuschauer noch zusätzlich zu erhöhen. Deswegen ruft er auf: Empört Euch! Eine Bilanz der TV-Saison zur Sommerpause.

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Meinungsverstärker: Das Publikum holt sich, so heißt es, beim Talk ab, wovon es vorher schon überzeugt war. Karikatur: Klaus Stuttmann
Meinungsverstärker: Das Publikum holt sich, so heißt es, beim Talk ab, wovon es vorher schon überzeugt war.Karikatur: Klaus Stuttmann

Natürlich kann man auch für das Fernsehen jene kulturpessimistische Frage stellen, die viele an das Leben überhaupt stellen, nämlich ob denn nicht eigentlich früher alles besser gewesen sei. Wir lassen die Frage zunächst einmal unbeantwortet, denn es geht in diesem Text um den Zustand der Talkshow im deutschen Fernsehen, da gibt es die Antworten – wenn überhaupt – auch immer erst am Ende.

In dieser Woche gab es eine Pressekonferenz, in der das ZDF eine Sendung vorstellte, über deren Ankündigung im März man noch dachte: schlechter Scherz. Aber am 2. September startet das ZDF wirklich die Nachmittagstalkshow „Inka!“, tatsächlich mit Ausrufezeichen, und belebt damit ein Genre, das man eigentlich für tot gehalten hat. Talkshows am Nachmittag, das waren in den 90er Jahren einmal Arabella Kiesbauer und Hans Meiser und Ilona Christen und Andreas Türk und viele andere, die zum Glück längst in Vergessenheit geraten sind. Ganz schlechtes Fernsehen war das, aber jetzt will Inka, Nachname Bause, die bei RTL bereits die Menschenvorführshow „Bauer sucht Frau“ mit Alliterationen auffüllt („der rüstige Rübenbauer Roland“) „spannendes Wohlfühlfernsehen“ liefern. Was will Bause nicht sein? „Die klugscheißende Talklady“.

Schade, denn eine „klugscheißende Talklady“ würde ich mir zum Beispiel anschauen wollen, aber ich bin – mal wieder – nicht die Zielgruppe, das ZDF will mit „Inka!“ die Zielgruppe 66+ („vielseitig Interessierte“) erreichen, aber auch „aktive Familienorientierte“. So formuliert macht das Sinn – die haben ja noch keine eigene Talkshow. Obwohl es doch eigentlich als ausgemacht gilt, dass es eher zu viele als zu wenige Talkshows gibt. Oder nicht?

Beckmann hat sich vom Genre „Talkshow“ schon vor einiger Zeit verabschiedet

Alle „politischen Talkshows“ sind jetzt in der Sommerpause, am Donnerstag verabschiedete sich auch Maybrit Illner, während in der ARD Reinhold Beckmann bereits aus der Sommerpause zurückgekehrt ist und seine letzten Runden dreht, dann ist es mit „Beckmann“ vorbei. Und vielleicht wollte sich der Moderator ein paar Anregungen holen, das Thema am Donnerstag lautete: „Endlich mehr Zeit – entschleunigt leben!“ Und wie das gehen soll, darüber sprach er unter anderem mit der Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer, dem „Zeitforscher“ Karlheinz Geißler und der Krankenschwester Anne Donath. Beckmann hat sich vom Genre „Talkshow“ schon vor einiger Zeit verabschiedet und die „Plaudershow“ etabliert – und das ist nicht geringschätzig gemeint: Auch am Donnerstag lieferte Beckmann keine Produktenttäuschung, die ARD hat sich mit Sicherheit nicht von der schlechtesten, möglicherweise aber von der verzichtbarsten Talkshow verabschiedet.

Zeitgleich redete Illner über den „Kalten Krieg mit unseren Daten“, die Runde war durchaus munter, was vor allem an dem Blogger Sascha Lobo und dem Ex-„Spiegel“-Chef Georg Mascolo lag, die kenntnisreich und mit der nötigen Wut auftraten. Aber zwei reichen dann nicht, um für Erkenntnisgewinn zu sorgen, leider müssen auch andere Gäste zu Wort kommen, und dieser Befund kann als sicher gelten: In jeder deutschen Talkshow sitzt mindestens ein Gast zu viel – und zu selten angstfreie, mutige Gäste. Der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre sorgte bei „Markus Lanz“ vor einigen Monaten für einen Höhepunkt, als er Gertrud Höhler im Vorbeigehen Fragen stellte, auf die der Gastgeber und seine Redaktion niemals gekommen wären. Danach war der Zuschauer gut unterhalten – und ein wenig klüger. Nach der Illner-Sendung vom Donnerstag war er das nicht, doch an dem Thema scheiterte bereits Anne Will. Als Zuschauer bleibt man nach solchen Sendungen mit mehr Fragen als Antworten zurück. Zum Beispiel, ob man nur noch bei den Sendungen von Anne Will und Maybrit Illner von „politischen Talkshows“ sprechen kann, da hier noch die Themen aus der Politik in der Mehrzahl sind, während anderswo bunt gemixt wird. Ist vielleicht auch „Markus Lanz“ eine politische Talkshow, weil ja in fast jeder Sendung mindestens ein Politiker zu Gast ist (am Donnerstag: FDP-Minister Daniel Bahr)?

Warum? - die Lieblingsfrage von Markus Lanz

Dass Menschen im Fernsehen Politisches verhandeln, ist zunächst einmal richtig. Was diese Menschen beruflich machen, ist zweitrangig, wichtiger ist, dass sie eine Meinung haben – wünschenswert wäre, dass die Meinung überrascht und argumentativ untermauert werden kann – diese Anforderungen sind hoch, mitunter fehlt dafür das Personal, darum hat man das Gefühl, in den Talkshows würden zu den immer gleichen Themen die immer gleichen Menschen sitzen. Möglicherweise aber ist das für den Zuschauer kein schlechtes Gefühl – er schaltet Talkshows ja immer noch ein. Warum? (Lieblingsfrage von Markus Lanz) Mit dieser Frage landet man relativ schnell bei der Medienwirkungsforschung und die wiederum bietet verschiedene Theorien an. Eine davon – und es ist mit Sicherheit nicht die absurdeste – besagt, dass das Fernsehen ein Verstärkermedium ist. Das bedeutet, dass sich die Zuschauer bereits vor dem Einschalten einer Talkshow eine Meinung zu dem jeweiligen Thema gebildet haben und sich dann während der Sendung nur von den Personen überzeugen lassen, die auch diese Meinung vertreten, nach dem Motto: „Endlich sagt mal einer das, was ich schon immer sage.“

Ist das gut oder schlecht? - die Lieblingsfrage von Sandra Maischberger

Womit man bei der Rolle der Gastgeber wäre. Alle Moderatoren haben Meinungen, Haltungen – bei den wenigsten sind sie bekannt, keiner von ihnen offenbart sie während einer Sendung; Ausnahme ist hier Reinhold Beckmann. In US-Talkshows ist das anders, da weiß der Zuschauer, wofür der Moderator steht, im deutschen Fernsehen üben sich Jauch und Co. in Neutralität. Ist das gut oder schlecht? (Lieblingsfrage von Sandra Maischberger) Es ist gut, denn damit stellen sich die Moderatoren in die Reihe der Zuschauer, sie erheben sich nicht, tun genauso klug oder genauso dumm und repräsentieren so die Bürger eines Landes, die Politik zwar wahrnehmen – mehr aber auch nicht. Und es ist schlecht, weil die Moderatoren sich damit selber die Möglichkeit nehmen, ein Feuer zu entfachen, eine gewisse Brisanz herzustellen – und sie verschenken die Möglichkeit, Profil zu zeigen, für etwas zu stehen. Denn: Wer von anderen Meinung verlangt, muss selber eine haben.

Oder aber – und auch das muss man sich fragen nach der beendeten Talkshow-Staffel: Werden Meinungen heillos überschätzt? In der aktuellen Diskussion über Edward Snowden und den Abhörskandal gibt es – jedenfalls in Talkshows – recht wenig Meinung, und wenn man sich eine anschaut – wie eben am Donnerstagabend Illner –, dann wird man das Gefühl nicht los, dass Sinn und Zweck von Talkrunden darin bestehen, ein sowieso schon vorhandenes Empörungspotenzial beim Zuschauer noch zusätzlich zu erhöhen. Und damit wäre dann eine Chance vertan, die das Genre Talkshow doch durchaus nützen könnte, die Chance, zu informieren, aufzuklären und dabei den Zuschauer zu überraschen, nicht zu langweilen; die Talkshows der Dritten Programme machen das nun schon seit Jahren vor, der Anspruch dieser Sendungen ist allerdings ein anderer, das Ergebnis ist jedoch oftmals bemerkenswert.

So aber übernehmen diese Funktion weiterhin die Nachrichtensendungen und die zum Teil sehr gut gemachten Magazine und Reportagen der öffentlich-rechtlichen Sender. Sie scheinen im Moment zur Meinungsbildung mehr beizutragen. Und so scheint es, als würden die Zuschauer die Talkshows – jedenfalls so, wie sie im Moment sind – nicht brauchen. Aber braucht vielleicht das Fernsehen die Talkshows? Weil es sich bei ihnen um ein Programm des geringsten Widerstands handelt? Warum sonst zum Beispiel sollte das ZDF auf die doppelt absurde Idee kommen, Inka Bause eine Nachmittagstalkshow zu geben?

Früher – das gilt fürs Leben wie fürs Fernsehen – war nicht alles besser. Und heute ist nicht alles gut. Wie die Zukunft wird, werden wir erfahren. Aus dem Fernseher. Irgendwann ist jede Sommerpause mal vorbei.

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