Zuwanderungsdebatte I : Bulgariens Blätter spotten über Medienhysterie

Horst Seehofers Einlassung zu Migranten aus Osteuropa lassen die Medien in Bulgarien überwiegend kalt. Selbst der für seine Kampagnen berüchtigte Konzern Nova Bulgarska Mediina hält sich auffallend zurück.

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Abfahren. Von Sofia geht’s über Österreich und Deutschland nach London. Foto: dpa
Abfahren. Von Sofia geht’s über Österreich und Deutschland nach London. Foto: dpaFoto: dpa

„Es gibt zwei Auswege aus der bulgarischen Misere: Terminal 1 und Terminal 2.“ Der auf die beiden Abfertigungsgebäude des Sofioter Flughafens anspielende Kalauer wird von Bulgariens Medien gerne herangezogen, gilt es, das Thema Auswanderung zu behandeln. Rund zwei Millionen Bulgaren haben das Land seit dem Sturz des Kommunismus 1989 verlassen.

Dass Politiker und Medien in Deutschland und Großbritannien aufgrund der Öffnung der nationalen Arbeitsmärkte plötzlich eine Bedrohung der Sozialsysteme befürchten, wird von bulgarischen Medien aufmerksam registriert, aber eher zurückhaltend kommentiert. „Krach in Deutschlands Regierungskoalition wegen unserer Migranten“, lautete etwa eine Schlagzeile am Wochenende. Der soziale Einschränkungen für Zuwanderer fordernde bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer werfe den Sozialdemokraten Unkenntnis des von ihnen unterzeichneten Koalitionsvertrags und der darin enthaltenden Klauseln zur Migration vor, informierten die mit ihr betitelten Berichte.

Als eines der wenigen Mainstream-Medien sah sich die Tageszeitung „Standart“ zu einer kritischen Kommentierung veranlasst: Bulgaren drohe eine „schändliche und heuchlerische Diskriminierung“. Seit Bulgarien 2007 der EU beigetreten sei, hätten Deutschlands Arbeitsagenturen dem Land Ärzte und Krankenschwestern sowie Ingenieure und gut qualifizierte Fachkräfte abgeworben. Als „viele der Besten der Klügsten“ in Deutschland höhere Einkommen gesucht und Bulgarien einen schmerzhaften „brain drain“ zugefügt hätten, habe es keine Klagen gegeben. Jetzt, da auch einfache Arbeiter und marginalisierte Roma in den Genuss der Arbeitsfreizügigkeit kämen, sei die Aufregung groß.

„Bulgaren werden Buckingham übernehmen und die englische Königin ruinieren“, spottete der zur nationalistischen Partei Ataka gehörende Sender Alfa TV über die „monatelange Medienhysterie“ auf der Insel und in Deutschland. „Bebrillte Tantchen und Onkel zeigen bulgarischen Emigranten den Mittelfinger und verleumden sie, während sie uns gleichzeitig überzeugen wollen, wir sollten offen sein für die Immigration des Dschihad“, stellte Alfa TV den Bezug her zu den seit Sommer 2013 verstärkt nach Bulgarien kommenden syrischen Flüchtlingen.

Die Sachlichkeit, mit der Bulgariens Medien die Debatte darstellen, ist nur bedingt charakteristisch für sie. Wenn es darauf ankommt, sind viele von ihnen zu unverhülltem Kampagnenjournalismus bereit. Vor allem die Medien von Bulgariens größtem Medienkonzern Nova Bulgarska Mediina Grupa (NBMG) sind dafür berüchtigt, journalistische Standards zu negieren. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Bulgarien beim Medienfreiheitsindex von Reportern ohne Grenzen seit 2006 vom 35. Rang auf den 87. abgerutscht ist. Damit bildet das Balkanland das Schlusslicht aller Länder der EU.

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