Zuwanderungsdebatte II : Bukarests Medien nehmen Seehofer wenig ernst

Zeitungen, Fernsehstationen und Internetmedien aus Rumänien reagieren mit einer guten Dosis Ironie auf britisch-deutsche Ängste vor einer "Invasion der Erdbeerpflücker".

Silviu Mihai, Bukarest
Im Westen was Neues. Auch von Bukarest aus fahren Busse nach Berlin. Foto: dpa
Im Westen was Neues. Auch von Bukarest aus fahren Busse nach Berlin. Foto: dpaFoto: dpa

„Die Invasion der Erdbeerpflücker bleibt aus“, titelte der Bukarester Nachrichtensender Realitatea TV in den ersten Januartagen. „Kein rumänischer Ansturm auf Großbritannien oder Deutschland“, bestätigt die Konkurrenz, Antena 3. Der andauernden deutschen Debatte über die sogenannte Armutsmigration aus Südosteuropa begegnen rumänische Medien meist kritisch und mit einer guten Dosis Ironie. Hinzu kommt eine Erleichterung der Redakteure angesichts der Tatsache, dass die westeuropäische Debatte über die „Armutsmigration“ das Nachrichtenloch der Feiertage unverhofft gestopft hat. Denn ohne die jüngsten Vorstöße zunächst nur britischer, später auch deutscher Politiker wäre die Aufhebung der letzten Einschränkungen auf dem EU-Arbeitsmarkt aus rumänischer Perspektive höchstens eine kurze Meldung wert.

„Die Erdbeerpflücker“, wie die oft auf westeuropäischen Plantagen tätigen rumänischen Arbeitsmigranten in den Bukarester Medien genannt werden, beschäftigen die Öffentlichkeit in ihrer Ursprungsheimat schon lange. Deren interessantesten Lebensgeschichten haben rumänische Journalisten schon etliche Male erzählt.

„Gerade deswegen passt diese hierzulande eher konsensuale Debatte perfekt ins Weihnachtsloch“, erklärt der linke Publizist und Medienanalyst Costi Rogozanu. „Sie schafft es, passend zum Fest, Einigkeit in den Familien und ein kollektives Wir-Gefühl herzustellen. Das haben die meisten Medien gut gemacht.“

Zwar sei das Image der Erdbeerpflücker nicht immer positiv und keiner sei überrascht, dass mancher den „kurzen Weg“ zum Wohlstand genommen hat. Doch „das sind vielleicht nur für Horst Seehofer Nachrichten, für das rumänische Publikum bestimmt nicht“, stellt Rogozanu fest. „Dass westeuropäische Rechtspopulisten die Erdbeerpflücker regelmäßig zu Sündenböcken machen, ist auch nichts Neues.“ Das erklärt auch, warum die Reaktion der meisten Medien, von den wirtschaftsliberalen wie der Tageszeitung „Evenimentul zilei“ und dem Portal hotnews.ro bis hin zu den großen linksliberalen Nachrichtensendern Realitatea TV und Antena 3 eher ironisch ausfiel.

So wird der bayerische Ministerpräsident meist als nicht ernstzunehmender konservativer Demagoge aus der Provinz porträtiert. Ungünstig für Seehofer war auch, dass seine Vorstöße auf ähnliche Äußerungen von Rechtsextremisten wie Frankreichs Marine Le Pen und Hollands Geert Wilders folgten. Zwar versuchten die Qualitätsmedien, hier zu differenzieren. Doch der Eindruck, dass er die gleiche Argumentationslinie verfolgt, ist bei den meisten Lesern geblieben. Viel größer war die mediale Aufregung, als der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses des Europa-Parlaments, Elmar Brok (CDU), Anfang Januar vorschlug, den rumänischen und bulgarischen Migranten die Fingerabdrücke abzunehmen, um Sozialversicherungsmissbrauch zu verhindern.

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