Zweite Staffel : "House of Cards" startet bei Sky zeitgleich mit Netflix

Am Freitag startet die zweite Staffel von „House of Cards“. Warum gelingt so etwas hierzulande nicht?

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Der skrupellose Spitzenpolitiker Frank Underwood (Kevin Spacey, mit Robin Wright) scheint in „House of Cards“ am Ziel seiner Wünsche.
Wege zur Macht. Der skrupellose Spitzenpolitiker Frank Underwood (Kevin Spacey, mit Robin Wright) scheint in „House of Cards“ am...Foto: Sky

Vieles ist US-Präsident Barack Obama vorzuwerfen, aber eines nicht: Dass er sich bei amerikanischen Fernsehserien nicht auskennt. In seiner Rede zur Lage der Nation verwies er jüngst auf das Macho-Gehabe der Männer in der Erfolgsserie „Mad Men“, die sich um eine New Yorker Werbeagentur in den 60er Jahren dreht. „Es ist Zeit, eine Politik zu beenden, die in eine ,Mad Men‘-Folge gehört“, sagte er mit Blick auf die andauernde Ungleichbehandlung von Frauen in den USA. Obama hatte früher bereits durchblicken lassen, sich gern mal Serien wie „Homeland“ oder „House of Cards“ anzuschauen. Damit ahnen wir auch, was der Präsident an diesem Freitag tut. Er schaut sich die zweite Staffel von „House of Cards“ an, die der Video-on-Demand-Anbieter Netflix an einem Stück ausstrahlt.

Ohne allzu viel zu verraten: Es verheißt weiter nichts Gutes, wenn einen Frank Underwood, der Protagonsit der Serie, anblickt. Für Underwood alias Kevin Spacey gilt es auch in Staffel zwei, sein Netz aus Intrigen weiterzuspinnen. Er hat es bis zum Vize-Präsidenten geschafft, doch der frühere Kongressabgeordnete will weiter nach oben hinaus und scheut sich dabei auch nicht vor drastischen Mitteln. Dabei kommen ihm seine Ex-Geliebte Zoe Barnes (Kate Mara) und zwei Kollegen immer mehr auf die Spur und damit hinter seine Geheimnisse, was wiederum Franks mühsam errichtetes Kartenhaus zum Einsturz bringen könnte.

Nicht nur bei Netflix geht die hochgelobte Polit-Serie am Freitag in die zweite Runde, auch bei Sky. Der deutsche Pay-TV-Anbieter bietet die neuen Episoden der zweiten Staffel parallel zum US-Start an. Eine Novität, den besonderen Rezeptionsumständen geschuldet, die keine Länder- und Zeitgrenzen mehr kennen. Netflix stellte zum 1. Februar 2013 alle 13 Episoden der ersten Staffel gleichzeitig zum Abruf zur Verfügung. Hierdurch wird das kulturelle Phänomen des „Binge Watchings“ begünstigt. Das heißt, Serien-Episoden werden nicht mehr allwöchentlich ausgestrahlt wie im linearen Fernsehen, sondern dem Zuschauer, dem Fan auf einmal und jederzeit zum Stream-Abruf zur Verfügung gestellt. Ein Trend, begünstigt durch die steigende Popularität von Video-on-Demand-Angeboten à la Lovefilm, Maxdome oder eben Netflix in den USA.

Sky weiß von dieser Popularität. Ab heute stehen die 13 neue „House of Cards“-Episoden über den mobilen Abrufdienst Sky Go im Web zum Abruf bereit. Einen Tag später gibt es das Ganze auch auf Sky Anytime. Wer die neuen Folgen lieber in synchronisierter Fassung sehen will, muss sich noch etwas gedulden. Sky strahlt diese Episoden ab dem 3. März montags um 21 Uhr linear auf Sky Atlantic aus.

Die Free-TV-Ausstrahlung von "House of Cards" ist noch offen

Wie es im Free-TV für „House of Cards“ weitergehen wird, ist offen. Während ProSieben Maxx die Originalfassung mit Untertiteln ausstrahlte, hat Sat1 im Herbst die synchronisierte Version gezeigt. Angesichts der mauen Quoten hat der Privatsender den zweiten Teil der ersten Staffel in einem nächtlichen Marathon um Weihnachten herum verheizt. Ob „House of Cards“ hier also eine zweite Chance erhält, ist bisher fraglich. Die Free-TV-Rechte an der zweiten Staffel hat ProSiebenSat1, sagt eine Sendersprecherin. „Wo und wann wir sie spielen werden, ist noch nicht bekannt.“ Hört sich nicht gerade optimistisch an.

Netflix hat auf jeden Fall schon eine dritte Staffel „House of Cards“ bestellt. Politik als finster-faszinierende Schachpartie: Autor Beau Willimon liefert mit seiner Dramaserie einen bitteren Kommentar zum realen Politikbetrieb Washingtons, in dem es kaum um Ideale geht, sondern darum, der Gegenseite Schaden zuzufügen, mit Kevin Spacey und Serien-Gattin Robin Wright in idealer Besetzung. Sie als eine moderne Lady Macbeth, die ihren Mann zum Äußersten treibt und selbst über Leichen gehen würde. Beide wurden als Beste Hauptdarsteller in einer Dramaserie für einen Emmy nominiert, dreimal wurde die Serie mit dem Emmy ausgezeichnet.

Stellt sich die Frage, warum so etwas nicht in Deutschland möglich ist. Das hat auch mit Geld zu tun. Umgerechnet drei, vier Millionen Euro kostet in den USA die Produktion einer Serie pro Folge (in Deutschland sind es um die 500 000 Euro). Damit verbunden ist das Prinzip des „Showrunners“, der kreativen Freiheit von allmächtigem Produzent und seiner Autoren. Serienerfinder werden für viel Geld engagiert, weil Sender wie HBO überzeugt sind, dass sie Einmaliges zu sagen haben. Warum gelingt hierzulande nicht, was Amerikaner und Skandinavier können? „Da ist eine Entwicklung verschlafen worden“, sagte neulich Martin Moszkowicz, Vorstandsvorsitzender der Constantin Film AG, in einem Interview. Das liege zum größten Teil am Geschäftsmodell im deutschen Fernsehen. „Bisher beauftragt der Sender einen Produzenten und bezahlt 100 Prozent. Dafür gehört dem Sender alles an Rechten. Der Produzent muss wiederum so billig wie möglich herstellen, damit er seinen Gewinn maximiert. Was immer er weniger ausgibt, bleibt bei ihm als Ertrag hängen.“

Keine Rede von Visionen und Showrunnern. Anders Mark Johnson. Der Produzent von „Breaking Bad“ schwärmte auf der Berlinale von einer „neuen Art des Geschichtenerzählens“. In der ersten Staffel von „Breaking Bad“ hätten sie die Folgen mit Anfang und Ende geschrieben, das ab der zweiten aufgegeben: Weil die Zuschauer von heute ihre Lieblingsserien so nicht mehr sehen würden, Folge um Folge, sondern sie am Stück verschlängen wie Romane. Was wiederum die Autoren in die Lage versetzt hätte, Figuren im Laufe der Zeit komplett auf den Kopf zu stellen oder sich von Traditionen zu trennen: „Vergesst die Cliffhanger!“, sagte Johnson. Darauf haben sich auch die Macher von „House of Cards“ eingelassen. Auffällig ist der fast durchgängige Verzicht auf Spannungssteigerung zum Episodenende. Im Gegenteil. Da kehrt Ruhe ein, der Serienfan bleibt dran und guckt gleich die nächste Folge, um zu erfahren, ob dieser Frank Underwood nicht doch mal erwischt wird.

Kaum ein „House of Cards“-Fan wird bis Ende 2014 und auf ein Programm bei Sat1 warten. Er wird, wenn nicht kostenpflichtig auf Sky, auf (illegalen) Filesharing-Seiten fündig werden. Das Fernsehen als Verabredung, bestimmtes Programm zur bestimmten Zeit, das ist von gestern. Das nutzt auch Barack Obama.

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