150 Jahre SPD : Die Asche und die Glut

Wenn das sozialdemokratische Fühlen und Denken in 150 Jahren das ganze Land geprägt haben, braucht dann Deutschland die Sozialdemokratische Partei überhaupt?

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Die SPD hat alles Recht, diese Woche mit Stolz ihre 150-jährige Geschichte zu feiern. Es muss schon eine große Idee sein, die Menschen im noch weitgehend agrarisch geprägten Deutschland in einer Organisation zusammengeführt hat, die dann alle schrecklichen Stürme der Geschichte überstand und schließlich die Hightech- und Wissensgesellschaft der Gegenwart prägt.

Die SPD wirkt bis heute als politische Macht, und ohne sie kann man sich die Bundesrepublik gar nicht vorstellen. Soziale Gerechtigkeit und Freiheit zu verbinden, erweist sich als ein Versprechen, das von 1863 bis jetzt an Anziehungskraft wenig verloren hat.

Doch große Geschichten haben immer zwei Seiten. Die eine Seite ist: Es fühlt sich gut an, einer Partei anzugehören, die schon unerbittlich für die Grundlagen der parlamentarischen Demokratie gestritten hat, als andere noch das Schicksal der Nation bei den Hohenzollern oder anderen Fürsten gut aufgehoben glaubten.

Es fühlt sich gut an, zu einer Partei zu gehören, die Bismarck die Kranken- und Unfallversicherung abtrotzte und damit den Grundstein des deutschen Sozialmodells legte, als andere noch gottgegebene Unterschiede der Menschen predigten. Es fühlt sich gut an, mit der Entgegennahme des Parteibuchs das Erbe mutiger, freier und fortschrittlicher Geister wie Ferdinand Lassalle, Otto Wels oder Willy Brandt anzutreten.

Die andere Seite der großen Geschichte ist die Last der Erinnerung, unter der die Gegenwart schnell fahl werden kann: Wie viel riskiert die SPD heute tatsächlich im Kampf gegen das Betreuungsgeld, wenn man an Otto Wels’ lebensgefährliche Rede gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz denkt („Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht“)? Welche historische Bedeutung haben Peer Steinbrücks Kavalleriedrohungen im Steuerstreit mit der Schweiz, wenn man in einer Jubiläumsausstellung nun wieder ein Foto des knieenden Willy Brandt in Warschau sieht?

Vor den großen Momenten der SPD, die längst große Momente der ganzen Nation geworden sind, kann das heutige Wirken der Sozialdemokraten schrumpfen. Diesem Dilemma will die SPD entkommen, indem sie verspricht, das Erbe der großen Vorgänger weiterzutragen.

Wenn das sozialdemokratische Fühlen und Denken in 150 Jahren das ganze Land geprägt haben, braucht dann Deutschland die Sozialdemokratische Partei überhaupt? Es ist wahr: Die soziale Not schreit nicht mehr so zum Himmel, wie sie das im Jahr 1863 tat. Doch die Spaltung der Gesellschaft nimmt zu, die noch immer unregulierten Finanzmärkte fordern die Demokratie weiter heraus. Deshalb braucht es die SPD als Gegengewicht und als Garantin des Ausgleichs. Sie muss im Zweifel den Mut aufbringen, neu zu denken und, wie bei der Agenda 2010, das Wohl des Ganzen über den eigenen Vorteil zu stellen. Auch der Bruch mit Traditionen, die zu Ballast geworden sind, und die Selbstlosigkeit gehören zu ihrem Erbe.

Zum Geburtstag in Leipzig gratuliert den Sozialdemokraten am Donnerstag neben Bundespräsident Joachim Gauck auch der französische Präsident Francois Hollande. Von einem der Gründer seiner Französischen Sozialistischen Partei, nämlich von Jean Jaurès, stammt der Satz, wonach Tradition nicht die Anbetung von Asche bedeutet, sondern das Schüren der Glut. Es könnte der SPD durchaus helfen, wenn sie sich im mühsamen Alltag des politischen Geschäfts an diesen Ratschlag ab und zu erinnert.

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