Gastkommentar : Wulff dir deine Meinung

Ob im Netz, TV oder auf dem Papier: Die Liste an Wulff-Witzen wird sekündlich länger. Selbst erfahrene Journalisten müssen sich beherrschen, damit ihre Berichterstattung objektiv bleibt. Über das "Prinzip Bild".

Mike Kleiß
Bild dir deine Meinung.
Bild dir deine Meinung.Foto: dapd

Man muss in diesen Tagen sehr stark sein. Nicht nur als Bürger, der sich seine Meinung bilden will. Auch erfahrene Journalisten müssen sich am Riemen reißen, um in der Causa Wulff noch objektiv berichten zu können. Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten konnten sich aktuell als einzige ein näheres Bild machen. Durften sie beide den Bundespräsidenten für ARD und ZDF exklusiv interviewen. Viel hat der Bürger nicht erfahren. Ein Lacher für viele sicherlich die Tatsache, dass Bettina Schausten gerne 150 Euro bezahlt, wenn sie bei Freunden privat übernachtet.

Der Fall Wulff wird mehr und mehr zu einer Art Comedy-Veranstaltung, am Ende hat sie der Bundespräsident durch seine eigene Interpretation des Krisenmanagements selbst zu verantworten. Hat er? Nicht ganz! Vielleicht ist es unbestritten, dass er in der Kreditaffaire unglücklich gehandelt hat. Der Anruf bei Bild Chefredakteur Kai Diekmann war zu diesem Zeitpunkt nicht die beste Entscheidung. Zumal es scheinbar nicht bei diesem Anruf blieb. Christian Wulff sind die Lampen durchgebrannt, er muss sich wie ein angeschossenes Wildschwein gefühlt haben, getrieben durch die Medienjäger. Wie er im Interview bei ARD und ZDF selbst sagte, fühlte er sich als Opfer.

Um Klarheit zu schaffen: es ist nicht ungewöhnlich, dass Politiker die Handynummer von Chefredakteuren haben und umgekehrt. Es wäre blauäugig zu glauben, dass man nicht miteinander sprechen würde. Ordentlicher Weise lässt man sich als Journalist nicht drohen, es gehört jedoch auch zum nötigen Respekt, dass man  - so man den Politiker zitiert – nachfragt, was man zitieren kann. Die Frage, die man sich spätestens heute stellen muss: warum gelangt ein Anruf des Bundespräsidenten beim Chefredakteur der Bild in die Öffentlichkeit?  Man hatte wohl den Anruf angeblich in der Redaktion der Bildzeitung zum Thema gemacht, dann aber beschlossen, diesen nicht öffentlich zu machen. Klar ist aber auch, dass Informationen über den Inhalt des Anrufes doch an FAZ, Süddeutsche Zeitung und Spiegel weitergegeben wurden. Und wer mag hier länger an einen Zufall glauben?

Seit langer Zeit ärgert Bild, dass sie zwar als Boulevardzeitung wahrgenommen wird, jedoch in der Akzeptanz weit hinter anderen Blättern zurückliegt, wenn es um Politkompetenz geht. Die Causa Wulff ist eine sehr gute Vorlage, um hier Kompetenzpunkte zu sammeln. Frei nach dem Motto „seht her, es ist Bild, die der Bundespräsident anruft, es sind nicht die anderen“ tut eine solche Anruf-Affaire natürlich gut. In Sachen Marketing ist Bild hervorragend aufgestellt. Alleine rund um die Zeitung wird für den Verlag ein enormer Mehrwert durch Marketing und Verkaufsaktionen generiert. Zusammen mit der Internet-Tochter Bild Online werden Konsumgüter wie etwa Computer, Geschirrspüler oder Fahrräder vermarktet, die zusammen mit den Bildpartnern wie Mediamarkt dann als Volks-PC, Volksspüler oder Volksfahrrad vertrieben werden. Die Ära Diekmann ist also somit eine gigantische Vermarktungsmaschine.

Die Bild wurde sogar bereits mit dem Deutschen Marketingpreis ausgezeichnet. Auch Spitzenpolitiker werden von ihren Beratern und der Bild in Gemeinschaftsarbeit wie eine Marke geführt. Was daran problematisch erscheint, weiß Medienanwalt Michael Philippi, lange in der Medienkanzlei Prinz in Hamburg, heute in der Kanzlei Bub, Gauweiler und Partner in München tätig: „Politik und Markenimage sind – jedenfalls im Bereich der Boulevardmedien – oft schwer miteinander vereinbar. Dort erfordert personales Marketing nicht primär Persönlichkeit, sondern die Offenbarung von Persönlichem. In der Politik aber – zumal wenn es um den höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik geht – sollte Unabhängigkeit und Gradlinigkeit im Vordergrund stehen. Dies kann schnell zu nicht überbrückbaren Widersprüchen führen.“

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