Angela Merkel beim Besuch von Barack Obama : Das Neuland-Problem

Angela Merkel sagt, das Internet sei Neuland „für uns alle“. Das Netz lacht sich darüber zunächst kaputt, und verfällt dann in ein Selbstgespräch. Dabei wäre nun die Zeit, die Unsäglichkeit der Aussage auch für absolute Netz-Außenseiter zu dimensionieren.

von
Neuland für die Kanzlerin? Obama wirkt souveräner.
Neuland für die Kanzlerin? Obama wirkt souveräner.Foto: dpa

Die Besiedelung des Neulands ging an diesem Tag rasend schnell vonstatten. Kaum hatte Angela Merkel bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit US-Präsident Barack Obama gesagt, dass das Internet „für uns alle“ just ein solches Neuland sei, twitterten die Andersmeinenden, was das Zeug hielt. Unter dem Hashtag #Neuland mischten sich Witz und Empörung, und es dauerte wiederum nur Minuten, da empörten sich Meta-Empörte über den Hohn der Merkel-Mobber, genauer: ihre Arroganz gegenüber den vielen im Land, für die das Internet – entweder ganz oder von E-Mails und dem gelegentlichen Besuch einer Newssite mal abgesehen – tatsächlich Neuland, wenn nicht gar: ein Buch mit sieben Siegeln ist.

 Wenn alles so schief läuft, wie der jetzige Beginn der zu erwartenden Großdebatte befürchten lässt, wird sie grandios fehlschlagen: Netzprofis werden Angela Merkel zerreißen und sich dafür gegenseitig bejubeln. Gegenredner werden sich auf die Netzprofis und ihr entnervendes Selbstgespräch auf Twitter stürzen, das – nur Minuten nach dem Aufkommen eines Themas – sich regelmäßig schon so in Insider-Humor und Randaspekten verloren hat, dass kaum mehr jemand direkt zur Sache zu sprechen scheint.

Seht her, die Kanzlerin, das ist eine von uns, die kennt sich da auch nicht so aus.

Und wenn alles ganz schief läuft, und wenn aus diesem Raum richtig hässliche Attacken auf Merkel geritten werden, werden sich die, die dem Netz ebenso fern stehen wie die Kanzlerin, am Ende noch mit ihr solidarisieren: „Seht her, die Kanzlerin, das ist eine von uns, die kennt sich da auch nicht so aus. Und lacht dabei. Und wird dafür von diesen ungepflegten jugendlichen Killerspielern bespuckt.“ So in etwa.

So lacht das Netz über Merkels #Neuland
"Das Internet ist für uns alle Neuland" - Mit diesem Satz hat Angela Merkel Spott und Hohn im Netz provoziert. Sehen Sie in unserer Galerie einige der lustigsten Bilder und Montagen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: nerdcore / twitter
19.06.2013 15:50"Das Internet ist für uns alle Neuland" - Mit diesem Satz hat Angela Merkel Spott und Hohn im Netz provoziert. Sehen Sie in...

Dabei ist alles wirklich unsäglich: Denn das Neuland-Zitat stammt eben nicht von einer Frau Jedermann. Es ist nicht in jenem Kontext gefallen, in dem es die Meta-Empörten nun gerne hätten: als Mahnung an die in ihren Filterbubbles wohlig eingerichteten Netzbürger, nicht jene Mehrheit zu vergessen, die nach wie vor fremdelt. Vielmehr hat hier eine Regierungschefin unverblümt zugegeben, in einer entscheidenden Freiheitsfrage, die weit mehr Leute betrifft als Geeks und Nerds (die im Zweifel am wenigsten), inkompetent zu sein. Fast könnte man sagen: Sie ist bekennend nicht in der Lage, chronisch experimentierfreudige Grenzgänger wie Nachrichtendienste auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verpflichten.

US-Präsident Barack Obama besucht Berlin
Berlin ist sein Pflaster. Jedenfalls hat man ihn mit Sympathie empfangen - mehr als 90 Prozent der Deutschen halten Obama für einen guten Präsidenten.Weitere Bilder anzeigen
1 von 118Foto: afp
19.06.2013 23:00Berlin ist sein Pflaster. Jedenfalls hat man ihn mit Sympathie empfangen - mehr als 90 Prozent der Deutschen halten Obama für...

Angela Merkels Aussage ist einigermaßen monströs

Das ist keine Kleinigkeit, das ist einigermaßen monströs. Und bietet zugleich eine Chance: Denn jetzt wäre es möglich, höflich und mit prägnanten Worten aufzuklären. In Blogposts. In Talk-Shows. Auf der Straße. Für Netzpropheten. Für Überwachungsgegner. Nicht zuletzt: für Piraten, denen hier gerade ein großes Wahlkampfthema vor die Füße fällt. Nicht, dass einige das nicht bereits versuchen würden. Doch wird es schwer, mit ernsthaften Positionen durch den Schauer der gefälligen Witze durchzudringen, die – zugegeben – auch Onlinemedien wie Tagesspiegel.de in ihren Twitter-Umschauen allzu gern aufnehmen. Und vor jedem Meinungsbeitrag, der die Bedeutung des Netzes und seiner Freiheit für seine Nutzer den Nicht-Nutzern zu erklären versucht, werden drei stehen, die das Wissen darum platt voraussetzen.

Dennoch - jetzt wäre die Zeit, statt blöder Witze etwas deutlich zu machen: dass Merkels Aussage auch jene betrifft, die an ihrem Rechner noch nie über eine Partie Minesweeper hinausgekommen sind; dass es grundsätzlich darum geht, dass Privatsphäre auch in technisch vermittelten Lebenssphären Schutz genießt. Es geht um die Frage, ob Politik sich darauf zurückziehen kann, zu doof zu sein, diesen Schutz zu garantieren. Wenn an ihrem Ende selbst technophobe Buchclub-Greisinnen Solidarität bekunden, dann wäre diese Debatte nicht gescheitert. Doch leider lächelt Frau Merkel so nett – und die Twitterer sind so garstig.

Autor

85 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben