Auf den Punkt : Willkommen, Mr. Chance!

Malte Lehming erklärt, warum Barack Obama eigentlich Peter Sellers ist.

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinBarack Obama ist Peter Sellers. In Deutschland muss man das erklären, in den USA nicht. Dort nämlich fühlen sich immer mehr Menschen durch Obama und die Obamamania an Chauncy (Chance) Gardiner erinnert, den Gärtner in Hal Ashbys Film "Being There", der bei uns als "Welcome Mr. Chance" lief, aber auch "Der unaufhaltsame Aufstieg eines Trottels" hätte heißen können.

Der Plot ist kurz erzählt. Ein Gärtner (Peter Sellers) arbeitet für einen reichen Mann, in seiner Freizeit sieht er ausschließlich Fernsehen. Der reiche Mann stirbt, der Gärtner muss das Grundstück verlassen und irrt zunächst orientierungslos umher. Durch einen Auto-Unfall gerät er zufällig in höchste politische Kreise, die ihn nach und nach für seine Weisheiten (oder das, was sie dafür halten) anhimmeln. Er wird in Talkshows eingeladen, schließlich kandidiert er für das Amt des US-Präsidenten. In der Schlussszene wandelt er übers Wasser, und der Zuschauer spürt: Das ist der nächste Präsident.

Der Witz an der Sache: Chauncy Gardiner hat von nichts eine Ahnung. Er blendet, ohne ein Blender zu sein. Er sagt nur im richtigen Moment Sätze wie "Wer im Sommer ernten will, darf im Herbst nicht vergessen zurückzuschneiden" oder "Eine Blume muss man erst gießen, bevor sie wachsen kann". Allein weil das so tiefgründig und wahr klingt, vertrauen ihm die Menschen und katapultieren ihn ganz nach oben.

Jetzt, da Obama schon wieder zwei Vorwahlen für sich entschieden hat, aber immer noch keiner weiß, wofür er eigentlich steht, ist es höchste Zeit für den Gardiner-Test. "Ihr seid der Wandel, auf den Ihr immer gewartet habt", ruft er seinen begeisterten Anhängern zu, was, wie viele andere solcher Sätze derartig sinnentleert ist, dass selbst seriöse US-Kommentatoren bloß noch spotten. "His Hopeness", "Hope Pope", "The Chosen One": Mit solchen Begriffen umschreiben sie das Phänomen.

Obama, ein Person gewordener Affekt, der den Willen ohne Ziel erregt? Ein Scharlatan, der Politik nicht an ihren sachlich-humanen, sondern theatralisch-ästhetischen Effekten misst? Vielleicht sind die alten Griechen ja noch etwas weiser gewesen, als der junge Prediger-Senator aus Illinois vorgibt zu sein. Sie, die Griechen, verbuchten nämlich in ihrer Affektenlehre die Hoffnung wegen ihrer Realitätsferne als Übel, den Zorn aber zählten sie zu den angenehmen Gemütsempfindungen.

Hillary Clinton, die Verhasste, Barack Obama, der Pathetiker: Die US-Demokraten haben zwischen zwei Kandidaten zu wählen, die jeder ein schweres Handicap haben. Für John McCain läuft alles gut.

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