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Debatte über Beschneidungen : Die Diktatur des Rationalismus

31.07.2012 15:29 Uhrvon

Wer sich durch die Kommentarlawine liest, die das Kölner Beschneidungsurteil ausgelöst hat, stößt auf viele Varianten der Religionsverspottung, meint Malte Lehming. Die Toleranz wird auf dem Altar der Humanität geopfert.

Kollektive Vielfalt statt rationalistische Einfalt

Für den Rationalisten sind das Sentimentalitäten. Aber wenn Vielfalt ein Wert an sich ist, sind vielleicht auch menschliche kollektive Verschiedenheiten ein Wert an sich. Karfreitagsprozessionen, die Weltabgewandtheit der Amische, die Niederwerfungen der Buddhisten, okkulte Stammespraktiken, indianische Regentänze. Die Liste lässt sich verlängern. Wer kollektive Verschiedenheiten will und fördern will, muss ihren Mitgliedern besondere Rechte verleihen. Er muss ihnen zugestehen, an Dinge zu glauben, die er selbst für irrational hält. Auferstehung, Wunderheilung, den Messias, die Verbindlichkeit Heiliger Schriften.

Video: Interview - "Die Beschneidung gehört zur islamischen Identität"

Gegner der Beschneidungspraxis behaupten oft, allein das Kindeswohl im Blick zu haben. Aber der Rigorismus, mit dem sie dieses mutmaßliche Kindeswohl verabsolutieren und gegen jede Güter- und Normenabwägung immunisieren, entlarvt sie als jene kühlen Rationalisten, die den Wert der Vielfalt bereit sind, auf dem Altar der Humanität zu opfern. In manchen Fällen wirkt das ebenso bigott wie die Verve, mit der sich CSU-Männer im Kampf gegen fromme Muslime ausgerechnet auf Frauenrechte berufen.

Kollektive Vielfalt statt rationalistische Einfalt: Das bedeutet, einen Pluralismus auch unverständiger Ausdrucksformen von Menschen anzustreben. Das kann, ja muss zu Reibereien und Konflikten führen. Die Vernunft mag sich beleidigt fühlen. Und vielleicht geht es in der anderen, der rationalen Welt tatsächlich humaner zu. Aber es ist auch die, in der Menschen mit Stecknadeln durch Bilder von Augen stechen und jene verlachen, die dabei Skrupel empfinden. Dummen Skrupel.

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