Ein Zwischenruf zur … : ... Blüte im Lokalen

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Haben Sie die Kartoffeln schon angehäufelt? Die Tomaten gegen die gefürchtete Krautfäule geschützt? Schneckenfallen ausgelegt, um den Salat vor den Schädlingen zu bewahren? Dann haben Sie wahrscheinlich alles richtig gemacht. Sie können sich auf die Ernte freuen. Denn Sie gehören zu der neuen Generation der Kleinbauern und Gärtner, die sich der neuen Unübersichtlichkeit des Lebens entgegenstemmen.

Es gibt zurzeit kaum einen Trend, der mehr umjubelt wird als der des Großstädters zum eigenen Garten. Zu Unrecht. Denn die, die sich im Garten verstecken, fehlen beim Lösen der großen, echten und wichtigen Probleme. Das Harken, Häckseln und Jäten steht für Rückzug, Biedermeier, Beschaulichkeit. Diejenigen, die heute der Landlust frönen, signalisieren dem Morgen: kein Interesse. Es geht nicht mehr um Zierpflanzen und Rhododendren, um Kugelgrills, um das Sitzen im Grünen. Wenn sich heute einer eine grüne Schürze umbindet und die Gummistiefel überstülpt, geht es um Nützliches. Neue Zeitschriften informieren, was wann zu tun ist. Seltene Saatknollen wie das Bamberger Hörnchen (Kartoffel) werden zu jedem Preis gekauft. Brache Grundstücke auf Inseln im Tegeler See sind umkämpft, damit im nächsten Jahr, wenn die Flugzeuge vielleicht endlich weg sind, ein Stück Frieden in das Leben einziehen kann. In die Ferien fährt man nicht im Frühjahr, nicht im Sommer, nicht im Herbst. Wenn so viel zu tun ist auf der eigenen Scholle, liegt man nicht faul auf Mallorca herum. Eifersüchtig wird der (gute) neue Lebensstil gegen das (schädliche) Alte, Rastlose, Leistungsorientierte abgegrenzt.

Mögen doch die anderen den Zerfall der Währungsunion bekämpfen, wir Gärtner brauchen das Geld nicht mehr. Sollen doch Unverbesserliche für Europa ins Feld ziehen, uns reichen 250 Quadratmeter und eine Regentonne zum Glück. Was bedeuten schon die Gefahren der Globalisierung, wenn es im Lokalen vortrefflich blüht und gedeiht?

Nur: Die Gartenlaube mag zwar privat befriedigend sein. Probleme aber werden von hier aus nicht gelöst, sie werden nur verdrängt. Egal, wie man den Salatkopf dreht und wendet. Am Ende muss man sich fragen lassen, ob es nichts Wichtigeres zu tun gibt, als auf dem Boden herumzukriechen und Unkraut herauszureißen. Wenn die Euro-Krise schiefgeht, ist auch der Garten weg.

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