Freizügigkeit in Europa : Steuerzahler putzen Luxushotels

Das Gerede von den berechnenden Ausländern ist Quatsch. Stattdessen zahlen anständige Steuerzahler mit, wo keine anständigen Löhne entrichtet werden. Um diese Schande wegzuwischen, gibt es keine rumänische Putzkraft

von
Unterkünfte von rumänischen Arbeitern in Frankfurt am Main.
Unterkünfte von rumänischen Arbeitern in Frankfurt am Main.Foto: dpa

Ausgeblieben ist die Invasion. Erste Enttäuschung: Keineswegs drängen jetzt hunderttausende Rumänen und Bulgaren ins Land, vor dessen Toren die christlich sozialen Bayern der CSU sie schon bedrohlich Schlange stehen sahen. Real blieb der „Sozialtourismus“ aus, verbal blieb er übrig als „Unwort des Jahres“ 2013. Zweite Enttäuschung: Rumänen und Bulgaren, auch jene, die bereits vor der Freizügigkeit, also vor dem 1. Januar 2014 hier ankamen, wollen vor allem arbeiten. Das sagt die Statistik. Und daran ändert sich offenbar auch nichts, seit Erwerbsfähige aus diesen beiden Staaten der Europäischen Union keine Arbeitserlaubnis mehr brauchen, um in Deutschlands Restaurants Teller zu waschen und in Hotels Betten machen und Boden schrubben zu dürfen.

Im Juni 2013 bezogen rund 27 000 Rumänen und Bulgaren Hartz IV. Gut 36 Prozent von ihnen gingen allerdings arbeiten. Nur, sie mussten zusätzlich Transferleistungen beantragen, da sie von ihren extrem geringen Löhnen allein nicht leben konnten. Sie waren und sind „Aufstocker“. So lautet das Resultat einer Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit (BA), das in diesen Tagen publik gemacht wurde. Dritte, besonders bittere, Enttäuschung für die Anhänger der Sozialtourismus-These: Die 4,45 Millionen Deutschen, die zur selben Auswertungszeit Arbeitslosengeld II, also Hartz IV erhielten, zeigten sich weniger arbeitsfreudig als die Arbeitsmigranten. Nur knapp 30 Prozent von ihnen gingen zum Zeitpunkt der Auswertung einer Arbeit nach. Das Bedürfnis, sich auch für minimalen Lohn anzustrengen, scheint bei ihnen weniger ausgeprägt. Mit einem Wort: Das Gerede von den berechnenden Ausländern ist Quatsch.

Der wahre Skandal, der hinter dem Skandalon solcher verzerrenden Darstellung verborgen liegt, ist noch ein ganz anderer. Er steckt in dem Begriff „Aufstocker“, der seinerseits zum Unwort taugen würde. Putzt zum Beispiel eine Rumänin, Bulgarin oder Portugiesin ganze Tage oder Nächte hindurch schick ausgestattete Doppelzimmer in einem Luxushotel, wird sie von den großen Hotelketten, oft auch von feinen Privathotels, fast immer miserabel bezahlt. So miserabel, dass es für die Miete im Wohnsilo am Stadtrand oder in einer schäbigen Sammelunterkunft in Bahnhofsnähe nicht ausreicht.

Entlohnt wird bei den Hotels – wie anderswo auch – über versteckten Stücklohn. Pro Hotelzimmer drei, vier, fünf Euro beim Saubermachen, das ergibt für die Putzkräfte, meist in Leiharbeit beschäftig, wenig. Soll ein verdrecktes Luxuszimmer auf Glanz poliert werden, mit makellos straffen Laken, frischer Wäsche, blitzsauberem Bad, brauchen die Reinigungsarbeiter für ein Doppelzimmer oft eine Stunde oder mehr. Reicht dann dennoch der Lohn zum Leben nicht, müssen sie zusätzlich, zeitraubend, entwürdigend, zum Amt laufen, um Bleibe, Kleidung, Kartoffeln, Nudeln bezahlen zu können.

Was bedeutet das? Jeglicher Mindestlohn wird so umgangen, wie 2013 eine Fernsehreportage von Günter Wallraff zur Praxis von Hotels eindrucksvoll belegte. Den Putzkräften werden, wie dann auch den Behörden, gefälschte Lohnbescheide vorgelegt. Ihr Entgelt wird darin zynisch nach Stunden aufgeschlüsselt, nicht nach der Anzahl der geputzten Zimmer. Reicht so ein Lohn nicht, springt das Amt ein – mit Steuergeldern. Auf die Weise wird das aufwendige Reinigen eleganter Hotelzimmer teilweise vom Fiskus getragen und nicht von den Betreibern der Hotelgiganten. Wir, die Steuerzahlenden, allesamt, finanzieren also Hotelkonzernen, deren glamouröse Namen bekannt sind, indirekt teilweise die Putztruppen. Auf dem Umweg über das Amt zahlen wir mit, wo Rumäninnen Quartiere saubermachen, die Businessleute, Diplomaten, Managern zwei- bis vierhundert Euro pro Übernachtung kosten.

Der Job der „Zimmermädchen“, die erwachsene Frauen sind, ist Knochenarbeit. Im Akkord schieben sie schwere Wagen mit Putzzeug und Wäsche über die Flure, sie wuchten Matratzen, saugen Staub, schrubben Duschen, heben Möbel und beseitigen unappetitlichen Dreck. Hört man ihnen auch nur ein paar Stunden zu, erfährt man von Abgründen. Ähnlich verhält es sich in Teilen der Fleischindustrie, der Gastronomie und anderen Niedriglohnsektoren. Vielerorts zahlen anständige Steuerzahler mit, wo keine anständigen Löhne entrichtet werden. Um diese Schande wegzuwischen, gibt es keine rumänische Putzkraft. Dafür muss die deutsche Politik die Augen aufmachen und handeln.

58 Kommentare

Neuester Kommentar