Gauck in Israel : Gegenwart, die nicht vergeht

In Israel hat Joachim Gauck gezeigt, dass er das Amt des Bundespräsidenten mit Würde ausfüllt. Er zeigt Empathie und findet die richtigen Worte. Nur eines ist ihm misslungen: Als er sich von der Formulierung der Kanzlerin absetzte, Israels Sicherheit sei deutsche Staatsräson.

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Bundespräsident bei seinem Staatsbesuch in Israel.
Bundespräsident bei seinem Staatsbesuch in Israel.Foto: AFP

Er ist, ohne Zweifel, ein Zeremonienmeister von Gedenkritualen. Die Vergangenheit hat ihn geprägt, er prägt den Umgang mit ihr. Joachim Gauck war, bevor er Bundespräsident wurde, Vorsitzender des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, er war Wächter über Millionen von Akten der DDR-Staatssicherheit, er war Pastor und ist bis heute ein begnadeter Redner. Die Worte fliegen ihm selbst dann noch zu, wenn sie anderen im Hals stecken bleiben. Manchmal redet Gauck auch zu viel.

Angela Merkel hatte in Jerusalem einst betont, die Sicherheit und das Existenzrecht Israels seien deutsche Staatsräson. Von diesem Diktum wollte Gauck sich absetzen, ohne der Kanzlerin frontal zu widersprechen. Das misslang. Denn wie sonst soll man es verstehen, wenn Gauck sagt, das sei ein „schwieriges Wort“. Nun entsteht der fatale Eindruck, Merkel und Gauck unterschieden sich in ihrer Beziehung zu Israel. Der Begriff „Staatsräson“ mag pathetisch gewesen sein. Ihn bewusst vermeiden zu wollen, öffnet indes einen von Gauck sicher nicht beabsichtigten Interpretationsraum. Lockert der Bundespräsident die deutschen Bande zu Israel und löst sich von deutscher Verantwortung? In Israel weiß man, dass das nicht stimmt. Die deutsche historische Nabelschau dagegen wurde gefördert.

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Gaucks Karriere nach der Wende
Herbst 89: Der damals 49-Jahre alte Joachim Gauck spricht während einer Fürbittandacht in der Marienkirche in Rostock. Der Pfarrer war, ist und wird von der evangelischen Kirche geprägt, in seinem Denken und Handeln.Weitere Bilder anzeigen
1 von 26Foto: dpa - Zentralbild / Siegfried Wittenburg
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Dabei täte etwas weniger Hyperventilation dem deutsch-israelischen Verhältnis ganz gut. So prekär, heikel und delikat, wie oft behauptet, ist es nämlich längst nicht mehr. Seit dem legendären Zwist zwischen Helmut Schmidt und Menachem Begin verliefen Israel-Visiten deutscher Spitzenpolitiker stets reibungslos. Helmut Kohl hat mit Jitzchak Rabin bis in den späten Abend hinein Partys gefeiert, Angela Merkel durfte als erste ausländische Regierungschefin vor der Knesset reden. Ob Roman Herzog, Joschka Fischer, Guido Westerwelle oder Christian Wulff: Blamiert hat sich nie einer.

Blamiert hat sich auch Gauck nicht. Sein Auftreten war – mit Ausnahme der Distanzierungsversuche von Merkels Begriff der „Staatsräson“ – eine gelungene Inszenierung. Das ist, obwohl es schroff klingt, ein Kompliment. Eine in der Person verankerte, authentische Form symbolischer Politik verkörpern zu können, ist nun mal Gaucks Gabe und – mit ihm als Präsidenten – Deutschlands Glück. Gerade weil Gauck nicht im Verdacht steht, die Wucht der Geschichte zu negieren, braucht er sie in aktuellen Dingen nicht zu beschwören. Seine Warnung vor dem Iran kam denn auch ohne Rekurs auf Auschwitz aus. Schließlich wiegt das nackte Argument oft schwerer als das mit Historie ummantelte. Eine religiös fundamentalistisch geprägte Diktatur droht den Menschen eines anderen, demokratisch verfassten Landes die Vernichtung an: Soll diese Diktatur Atomwaffen bauen dürfen? Das ist der Kern des Problems, vor dem nicht allein Israel steht, sondern eben auch Deutschland, Europa, die USA und viele arabische Staaten.

Doch statt über die Dimensionen dieser globalen Sicherheitsgefährdung diskutiert Deutschland nun erneut darüber, wie weit die Solidarität mit Israel im Ernstfall gehen soll. Diplomatie, Logistik, Truppen? Dabei muss weder eine entsprechende Anfrage beantwortet werden, noch dürfte der Ausgang dieser Debatte den Lauf der Dinge maßgeblich beeinflussen. Ob Teheran die Bombe baut, entscheidet sich nämlich nicht im Kanzleramt oder im Schloss Bellevue.

In Israel hat Gauck reüssiert. Schwieriger wird es für ihn, seinen Landsleuten die Lust an jener Nabelschau wieder auszutreiben, die er selbst provoziert hat.

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