Geht immer, geht gar nicht : Nazi-Vergleiche von Stöß bis Timoschenko

Nazi-Vergleiche gehen immer, lokal wie international: Linksradikale "SA-Methoden" in Berlin und Putin als Hitler. Oder gehen sie gar nicht?

von
Auch die Demonstranten in der Ukraine machen vom Hitler-Putin-Vergleich regen Gebrauch.
Auch die Demonstranten in der Ukraine machen vom Hitler-Putin-Vergleich regen Gebrauch.Foto: Reuters

"SA-Methoden? Dein Ernst, Jan?", fragt ein überraschter Follower den SPD-Landeschef. Auf seiner Facebook-Seite hatte Jan Stöß geschrieben, er sei "oft genug von Schupelius gerechtem Zorn getroffen worden, aber hier verdient er Solidarität. Das sind SA-Methoden." Stöß kommentiert damit den Brandanschlag auf das Auto des "BZ"-Kolumnisten Gunnar Schupelius in Berlin, zu dem sich Linksradikale bekannt haben..

Ebenfalls aus Berlin, aber eingebettet in weltpolitische Zusammenhänge, kam nun ein weiterer Nazi-Vergleich: Die ukrainische Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko, die sich in der deutschen Hauptstadt medizinisch behandeln ließ, rückte Russlands Präsidenten Wladimir Putin in einem Gespräch mit "Bild" in die Nähe Adolf Hitlers. Dessen Name fällt in dem Interview gar nicht, der größte Verbrecher der Menschheitsgeschichte ist aber durchweg präsent, in Sätzen wie: "Die Neuzeichnung von Weltkarten durch Kriege, Massenmord und Blut wird zu seinem 'Mein Kampf'."

Zuvor hatte schon die frühere US-Außenministerin Hillary Clinton den russischen Präsidenten mit Hitler verglichen. Umgekehrt gehört der Faschismus-Vorwurf "schon lange zur klassischen russischen Propaganda, um eigene Militäraktionen zu rechtfertigen", wie Christoph von Marschall, Außenpolitik-Experte des Tagesspiegels, in einem Kommentar herausgearbeitet hat.

So schnell dahingesagt, wie solche Vergleiche und Vorwürfe oft anmuten, so reflexhaft kommen die Gegenattacken: Von "hinkenden" und "dummen" NS-Vergleichen ist in Tweets an Jan Stöß vorhersagbar die Rede. Timoschenko geriet wie Clinton ebenso verlässlich in die Kritik.

Der außenpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Omid Nouripour, verhängte bei "Handelsblatt Online" eine noch umfassendere Sperre: „Historische Vergleiche jeglicher Art verbieten sich von selbst – gerade in der jetzigen Situation“, sagte Nouripour. Klingt griffig, ist aber genauso Unsinn wie so mancher Nazi-Vergleich. Denn wer aus der Geschichte lernen will, muss Historisches mit Heutigem vergleichen, muss Analogien herausarbeiten und daraus Schlüsse ziehen.

Nicht der Vergleich, die Verharmlosung ist das Problem. Die Folgerung, dass alles womöglich gar nicht so schlimm war bei den Nazis. Dass wir uns das ganze Erinnern und Gedenken eigentlich schenken können. Dass irgendwann ja aber wirklich mal der berühmte Schlussstrich gezogen werden muss unter die deutsche Vergangenheit. Solche Folgerungen können aber durchaus auch aus Vergleichen hervorgehen. Es gilt deshalb, den Inhalt eines historischen Vergleichs von Fall zu Fall zu bewerten, nicht das Vergleichen an sich zu verteufeln.

Wehret den Anfängen, lautet das auf Ovid und ganz andere Zusammenhänge zurückgehende Credo. Es klingt inzwischen oft wohlfeil und nach billigem Pathos, aber im Grundsatz muss es vor allem im Zusammenhang mit der Nazi-Zeit weiter gelten. Wie aber wollen wir den Anfängen wehren, wie sollen die Anfänge überhaupt erkennbar werden, wenn wir nicht vergleichen?

Insofern erscheint die Kritik an linksextremistischen Einschüchterungsversuchen mit Bezug auf SA-Methoden zulässig. Totalitarismus droht nicht nur von Rechts, Wachsamkeit gegenüber beiden Extremen ist wichtig. Auch der Vergleich zwischen russischer und nazideutscher Expansionspolitik muss möglich sein. Maßlos und verharmlosend dagegen wäre es, die Person Putin mit der Person Hitler in eins zu setzen.

"Natürlich kann man alles miteinander vergleichen, aber wenn etwas Unvergleichbares verglichen wird, wird es relativiert", sagt der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann in einem Interview für das Buch "Singuläres Auschwitz?", das sich Jahrzehnte nach dem Historikerstreit noch einmal mit Ernst Noltes Thesen unter anderem zum "kausalen Nexus" zwischen Kommunismus und Faschismus auseinandersetzt. Der Satz ist als Kritik Wippermanns an seinem früheren Lehrer Nolte zu verstehen.

"Nolte hat immer eine Verharmlosung durch Vergleich vorgenommen", sagt Wippermann im selben Gespräch, in dem er aber auch Nolte insofern Recht gibt, dass Wippermann selbst die "Singularität von Auschwitz" als "unhaltbares Dogma" bezeichnet und Völkermorde durchaus analytisch für vergleichbar hält. Es sei aber nicht vertretbar, "dass inzwischen munter Adolf Hitler mit Erich Honecker verglichen wird". Oder wenn "man also Israel und die Nazis vergleicht, dann ist das wirklich unfassbar, das geht nicht".

Autor

44 Kommentare

Neuester Kommentar