Kolumne "Meine Heimat" : Begegnungen unterm Rettungsschirm

Von Mappus bis Verfassungsschutz: Spätestens beim Blick durch die Welt bekommt man wieder Sehnsucht nach der Single-Existenz.

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Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.
Hatice Akyün ist Autorin und freie Journalistin. Sie ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause.Foto: promo

Jeder denkt an sich, nur ich denke an mich. Nein, ich rede nicht vom Mikrozensus, der belegt, dass wir zu einer Single-Republik mutieren. Dieser Satz kommt mir in den Sinn, wenn ich fassungslos beobachte, wie es Staatsdienern und Politikern gelingt, uns Bürger immer wieder neu vor den Kopf zu stoßen.

Beispiele gefällig? Da winken 30 verlorene Abgeordnete in weniger als einer Minute ein Meldegesetz durch, in dem der Datenschutz genauso untergeht wie die deutsche Nationalmannschaft gegen Italien, die zeitgleich im Halbfinale der Europameisterschaft spielte.

Einsame Entscheidungen trieben den Herrn Mappus an, sich am Parlament vorbei mal so eben für 4,7 Milliarden Euro bei der EnBW einzukaufen. Der, der die Sprechzettel für den Ministerpräsidenten schrieb, bekam lausige 10 Millionen Euro Provision für den Deal. Das Bundesland mit den sparwütigen Schwaben hat nun einen Konzern, der nur Verluste macht, weil die Lizenz zum Gelddrucken, die Atommeiler, nun bald alle stillstehen.

Mit großer Mehrheit hingegen wurde der Fiskalpakt nebst neuem Rettungsschirm beschlossen. Mir konnte das noch keiner erklären. Banken, die sich in Spanien verzockt haben, bekommen nun Hilfe direkt von der europäischen Zentralbank, damit für neue Raubzüge genug Klimpergeld da ist. Und die Staaten verpflichten sich, keine Schulden mehr zu machen. Das klingt ja nicht schlecht, nur frage ich mich, wie Staaten, die den laufenden Betrieb nur mit Ach und Krach aufrechterhalten können, in die Zukunft investieren wollen? Dass nun ausgerechnet der Vorsitzende der Liberalen im Europaparlament die Urteilsfähigkeit der Richter am Bundesverfassungsgericht bezweifelt, da jene mit den Vorgängen in Europa nicht ausreichend vertraut seien, löst bei mir Schüttelkrämpfe aus. Unsere Verfassungsrichter haben keine Ahnung, aber der Graf von der FDP weiß Bescheid.

Bei den Verfassungsschutzämtern rollen zurzeit die Köpfe, da man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass Rechtsradikale dort vor der Verfassung, aber unsere Verfassung nicht vor Rechtsradikalen geschützt wurde. Und wenn ich dann in meiner Orientierungslosigkeit Halt suche, piepst Kristina Schröder mit dem Geistesblitz dazwischen, dass 16-Jährige ab 20 Uhr Sperrstunde im öffentlichen Raum bekommen sollen.

Ich stelle mir vor, wie ich unter den Rettungsschirm krieche. Dort treffe ich Stefan Mappus, der sich das zu viel bezahlte Geld für die EnBW abholt. „Dumm g’loffe“, schwäbelt er. Mir begegnet ein unentschlossener Heinz Fromm vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Er weiß nicht, ob er einen Rettungsschirm für den Verfassungsschutz braucht oder für die Verfassung. Merkel ist auch da, sie sucht Schutz vor Bundespräsident Gauck, der von ihr erwartet, dass sie dem Volk mehr erklärt. Tja, und spätestens jetzt bekomme ich wieder Sehnsucht nach meiner Single-Existenz.

Oder wie mein Vater sagen würde: „Hayvan yularindan insan sözünden tutulur“ – Das Tier nimmt man beim Halfter, den Menschen beim Wort.

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