Kolumne "Meine Heimat" : Finger in die Wunde legen – das reicht nicht

Unsere Kolumnistin Hatice Akyün bewundert die politische Leistung von Oskar Lafontaine. Trotzdem stellt sie fest: Er scheiterte immer wieder an sich selbst.

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Hatice Akyün. Foto: Andre Rival
Hatice Akyün.Foto: Andre Rival

Kennen Sie auch einen, der oft recht hat und sich trotzdem nicht durchsetzen kann? Einen, dessen Ansichten respektiert werden, er aber nie Anerkennung dafür bekommt? Diese Woche hat so einer die Brocken hingeschmissen. Wieder einmal, weil er seine Bedingungen nicht als erfüllt ansah, die er aber für sich reklamierte. Er hat sich so ans Scheitern gewöhnt, dass er sich damit zufrieden gibt, die Fehler der anderen zu geißeln und zu brandmarken, aber einer Veränderung nicht voranstehen mag. Nein, ich bin kein Fan von Oskar Lafontaine. Alles, was er sagt, ist mir eine Spur zu laut, zu polternd. Aber ich bewundere seine politische Leistung.

Er übernahm eine Stadt als Oberbürgermeister, die fast pleite war. Er investierte in Stadtentwicklung, Nahverkehr, schaffte einen fast ausgeglichenen Haushalt und etablierte das bedeutende MaxOphüls-Festival. Er lehnte sich gegen viele in seiner Partei auf und kämpfte gegen die Nachrüstung, als das noch nicht mehrheitsfähig war. Er regierte mit absoluter Mehrheit, er warnte vor den hohen Kosten der Wiedervereinigung und scheiterte so als Kanzlerkandidat in der Rolle des einsamen Rufers. Er putschte einen Herrn Scharping aus dem Parteivorsitz, erneuerte und disziplinierte die SPD als knallharte Opposition, um Gerhard Schröder den Vortritt als Kanzler zu lassen. Da wusste er wohl schon, dass er nie wieder die Mehrheit hinter sich bekommen würde. Er warnte als Finanzminister schon früh vor einem entfesselten Finanzkapitalismus, aber sein schlimmster Gegner war stets seine Eitelkeit.

Als Sprachrohr einer wachsenden Minderheit, die alles geißelte, was an Arbeitsmarktreformen und Liberalisierung uns die Agenda 2010 brachte, fand er für sich eine neue Rolle. Und da dort auch viel Murks zu verzeichnen war, spielte ihm das in die Hände. Einzig sein privater Rosenkrieg gegen die SPD half Merkel an die Macht. Und wir haben durch ihn gelernt, dass Rechthaben in der globalen Welt nicht zum Rechtkriegen führt. Das Gefühl, dass etwas in unserer Gesellschaft nicht stimmt, lässt sich nicht allein durch ein Dagegensein ändern.

Lafontaine hat ein Attentat überlebt, den Krebs besiegt und man kann ihm wirklich nicht vorwerfen, er kämpfe nicht mit Leidenschaft für seine Überzeugungen. Trotzdem scheiterte er immer wieder an sich selbst. Und daran, dass er glaubt, nur er allein kann alles am besten. Wahrheit ist aber nicht Mehrheit, Intelligenz nicht gleichbedeutend mit Klugheit und das Volk will nicht andauernd belehrt, sondern auch gerettet werden.

Neulich sagte Sandra Maischberger, dass sie kein Interesse daran habe, den Papst zu interviewen. Alles, was er antworten könne, wisse man schon. Schließlich gebe das seine Rolle schon vor. Lafontaine ist auch einer, der immer in seiner Rolle verharrt. Den Finger nur in Wunden zu legen, reicht in der Politik nicht aus.

Oder wie mein Vater sagen würde: „Sütten agzi yanan, yogudu üfleyerek yer“ – wer sich einmal an heißer Milch den Mund verbrannt hat, pustet sogar beim Joghurtessen.

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