Legalisierungsdebatte : Sind Cannabis-Gegner auch für ein Gummibärchen-Verbot?

Eine Umfrage zeigt: Auch Politiker kiffen. Vielleicht fällt es den Parteien deshalb so schwer, beim Thema Drogenpolitik klare Position zu beziehen. Fakt ist: Der Zufall machte Cannabis zur illegalen Droge.

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Dass Hanf in Deutschland verboten ist, Tabak und Alkohol aber nicht, ist eher ein historischer Zufall. Foto: dpa
Dass Hanf in Deutschland verboten ist, Tabak und Alkohol aber nicht, ist eher ein historischer Zufall.Foto: dpa

Die aktuelle Debatte darüber, ob man in Berlin straffrei 15 Gramm Cannabis mit sich führen darf wie bisher oder künftig nur noch sechs Gramm, ist ein Beispiel für sinnfreies politisches Tun. Da geht der Kunde einfach öfter einkaufen. Als Nächstes darf man in Berliner Läden womöglich nur noch zwei Flaschen Korn mitnehmen, diese Maßnahme wäre ungefähr ebenso genial. Vernünftig wäre es, wenn man in Berlin straffrei nur noch jede dritte Flughafeneröffnung ausfallen lassen dürfte. Das würde was bringen.

Es gibt eine Forsa-Umfrage zum Kiffverhalten der Berliner. Daraus geht hervor, dass 34 Prozent der Erwachsenen schon mal einen Joint geraucht haben. Es wird auch politisch aufgeschlüsselt. Erwartungsgemäß ist das Kiffen bei den Anhängern der Grünen und der Piraten am beliebtesten, dort tut oder tat es die Hälfte. Was mich verblüfft, ist die Tatsache, dass sich CDU-Anhänger häufiger einen Joint anzünden als Sozialdemokraten, bei der CDU sind es 29, bei der SPD nur 25 Prozent.

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Foto: Laura Stresing
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An der Cannabisfrage lässt sich erklären, wie Politik funktioniert. Viele Wähler kiffen. Es ist ein verbreitetes Verhalten geworden, dies lässt sich sogar beim Public Viewing während einer Fußball-EM überprüfen. Viele sind für Legalisierung. Gleichzeitig gibt es eine große Gruppe, die sich für strengste Verfolgung und Totalverbot ausspricht, in Berlin 28 Prozent. Verbieten oder erlauben, egal, wofür sich eine Partei ausspricht, sie verdirbt es sich in jedem Fall mit vielen potenziellen Wählern. Weder haben die Grünen den Mut, für eine Legalisierung zu kämpfen, noch hat die CDU den Mut, für ein Verbot einzutreten. Deswegen hat man sich parteiübergreifend für Durchwursteln entschieden, es ist weder richtig verboten noch richtig erlaubt. Damit können alle leben. Trotzdem würde ich mir hin und wieder mal eine gesellschaftliche Debatte wünschen, wie früher, in der sich Parteien für etwas einsetzen, das sie für richtig halten, auch wenn sie nicht jeder dafür lieb hat.

Dass Cannabis halb verboten ist und Tabak legal, hängt mit Zufällen zusammen. Die Spanier haben 1518 aus Amerika den Tabak mitgebracht, Hanf kam viel später nach Europa und galt als Medikament, später als Droge der Schwarzen. Tabak konnte sich also, bevor seine Schädlichkeit bekannt wurde, über Jahrhunderte etablieren. Unter gesundheitlichen Aspekten ist Cannabis weniger riskant, was nicht bedeutet, dass es harmlos wäre. In einer Gesellschaft, die nur das erlaubt, was in jeder Dosis garantiert völlig harmlos ist, wären allerdings auch Autorennen, Boxen, Bergsteigen, Weintrinken, Computerspielen, Sex, Radfahren, Schokolade und Gummibärchen verboten. Auf einiges davon würden sicher auch die härtesten Anti-Cannabis-Hardliner ungern verzichten.

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