LEICHTS Sinn : Darf man den Islam kritisieren?

Es wirkt komisch, wenn ausgerechnet liberale Autorinnen und Autoren die Kritik an religiösen Instanzen in der Islam-Debatte disziplinieren wollen. Warum Toleranz und Liberalität nicht dasselbe sind.

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Die gegenwärtig vor sich hintobende Diskussion darüber, ob man den Islam kritisieren dürfe, wirkt komisch, wenn ausgerechnet liberale Autorinnen und Autoren die Kritik an religiösen Instanzen disziplinieren wollen – wg. Fremdenfeindlichkeit. Aber bevor wir später auf die Einzelheiten eingehen, hier erst einmal eine prinzipiell notwendige Unterscheidung, nämlich die zwischen Toleranz und Liberalität. Beide sind sie für unsere Kultur von elementarer Bedeutung, sie beziehen sich aber auf streng zu unterscheidende Sphären.

Die Toleranz bezieht (und beschränkt!) sich ursprünglich und begrifflich auf die Sphäre der Religion, ja der Weltanschauung überhaupt. Als Johannes Calvin 1553 die Verbrennung des religiösen Dissidenten Michael Servet in Genf beförderte, provozierte er eine Schrift von Stephan Castellio, der erstmals gegen die Verfolgung der Häretiker und für religiöse Toleranz eintrat. Gut ein Jahrhundert später arbeitete der englische Denker John Locke an seinem „Brief über Toleranz“. Für ihn stand einerseits fest: Der Staat hat auf dem Gebiet des Glaubens keinerlei Kompetenz und Befugnis. Die Staatsgewalt kann nicht auf das Seelenheil ausgedehnt werden.

Umgekehrt war für Locke aber auch klar: Die Berufung auf religiöse Überzeugungen kann keine Lizenz dafür bieten, den staatlichen Anordnungen für ein bürgerliches Zusammenleben zuwiderzuhandeln. Was um des Lebens und der Freiheit der Bürger willen von Staats wegen verboten wurde, kann nicht um der Religion willen erlaubt sein. Und die Toleranz gegen Katholiken wollte Locke gleich gar nicht gelten lassen, nicht aus Gründen der rein religiösen Abweichung, sondern weil deren politische Loyalität dem Heiligen Stuhl zu Rom und nicht dem König in Whitehall galt.

Hier zeigt sich eine Konstante im Verhältnis zwischen Staat und Kirche (und anderen Religionsgemeinschaften). Kein Staat – darin stimmen Diktaturen und Demokratien absolut überein – kann für die Regeln des staatlich geordneten Zusammenlebens Autoritäten dulden, die seinen politischen Primat in Frage stellen. In diesen Fragen beansprucht jeder Staat mit Notwendigkeit ein Monopol. Über Diktaturen brauchen wir dabei nicht weiter zu reden, über freiheitliche Demokratien sehr wohl. Unsere Demokratie ist der Freiheit verpflichtet, auch der Religionsfreiheit. Aber keine Religion kann eine Lizenz dafür bieten, die öffentliche und staatlich geschützte Liberalität aller anderen abzuschnüren, und das ausgerechnet unter Berufung auf die gebotene Toleranz in Glaubensfragen.

In Religionssachen sind wir tolerant, in Fragen der staatlichen Verfassungsordnung sind wir liberal. Wer aus religiösen Gründen gegen die liberale Ordnung und den freiheitlichen Staat eingestellt ist, mag seelenruhig glauben, was er will; wer aber daraus eine „praktische Meinung“ (J. Locke) machen und aus diesem Glauben die Freiheit der anderen und die Gleichberechtigung aller beschränken oder auch nur verängstigen will, bekommt es mit entschiedener Kritik und mit heftigem Widerstand zu tun. Das ist dann kein Angriff auf die Toleranz, sondern eine Verteidigung der Liberalität.

Wir machen in der Auseinandersetzung mit dem Islam solche Fragen gern an der Gleichstellung der Frauen fest. Das ist insofern etwas kurios, als wir im christlichen Abendland bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts gebraucht haben, dieses Prinzip praktisch anzuerkennen. Besser spät als nie! Hinter die mühselig erreichte Liberalität und den etablierten ordre public lassen wir uns im Staate nicht zurückpredigen. Wer es aus religiösen Gründen anders sieht, wird tatkräftig kritisiert – liberal, aber nicht tolerant.

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