Matthias Lilienthal: : „Ich mag keine Kunstkacke“

Er hat alles gegeben, was möglich war. Und deshalb wurde Matthias Lilienthals HAU zum "Theater des Jahres" gekürt. Ein Porträt

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Einige Dinge sind bei ihm schon immer gewöhnungsbedürftig gewesen. Sein lockeres Outfit zum Beispiel, Jeans mit rotem, gelbem, grünem T-Shirt, fertig. Seine umkomplizierte Art zu reden – Intendanten und Dramaturgen neigen sonst zu schweifigen Formulierungen. Lilienthal nicht. Und schließlich sein Zeitempfinden. Er hört einfach auf, wenn es gut ist. Wenn es nicht besser werden kann. So war es damals an der Volksbühne, deren Aufstieg er entscheidend mitgeprägt hat. Einen wie den „Matthias“ hat Frank Castorf nie wieder gefunden. So war es nach neun wilden Jahren Hebbel am Ufer: genug.

Matthias Lilienthal hat sein Kreuzberger „Theaterkombinat“ zu unglaublichem Erfolg geführt, man kennt ihn auf der ganzen Welt. Die Auszeichnung „Theater des Jahres“ durch die Zeitschrift „Theater heute“ kommt da nicht nur nicht überraschend – wen oder was sonst hätte man denn küren sollen? Neun Jahre Theater, Performance, Film ,Tanz, Musik, Palaver, Interdisziplinäres ohne Pause: Die permanente Überforderung als Spiegel der globalisierten Welt, das war und ist sein Programm. Das hat sich im HAU auf der ohnehin oft kaum mehr wahrnehmbaren Grenze zwischen Bühnenkunst und bildender Kunst abgespielt.

Matthias Lilienthal mag keine „Kunstkacke“, also altmodisches Regietheater mit Botschaft und Ästhetik. Aber er meint das nicht so böse. Wenn man ihm im Gegenzug „kuratorischen Quatsch“ vorwirft, dann versteht er das.

Er hat hier alles gegeben, was möglich war, und das heißt bei dem kleinen Etat des HAU: was eigentlich unmöglich war. Jetzt geht er nach Beirut (noch unmöglicher), um Kunststudenten zu unterrichten. Und er bereitet für 2014 das Festival „Theater der Welt“ vor, für Mannheim. Auch eine schöne Stadt. Matthias Lilienthal hat keine Angst vor solchen Orten. Und was ist mit seiner Geburtstadt Berlin? Er wird hier vermisst werden. Es werden Bühnen und Posten frei werden. Er wird zurückkommen. Sagt man, hofft man.

In der kommenden Woche stellt Annemie Vanackere ihr Programm für das HAU vor. Sie ist die neue Intendantin, Lilienthals Nachfolgerin. Der Kontrast könnte größer nicht sein. Das hilft: dem Vergangenen wie dem Zukünftigen. Das befreit. Auch da ist Lilienthal anders als die meisten: Seine Arbeit hat keine Tradition geschaffen, das sollte sie auch nicht. Es war für den Moment gemacht, nichts weniger. „Theater des Jahres“, wie schön, wie vergänglich.Rüdiger Schaper

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