Michael Haneke: : „Ich danke meiner Frau“

Er ist ein distanzierter, intellektueller Film-Tüftler. Nun hat Michael Haneke zum zweiten Mal die Goldene Palme in Cannes gewonnen. Ein Porträt.

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Foto: AFP
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Eigentlich ist Michael Haneke nicht der Typ für diese Floskel, diesen Dank ins Private, der bei Preisverleihungen, ob Oscar, ob Lola, gern vor oder nach der Erwähnung der Kinder oder der Eltern angewendet wird. Wenn aber der größte (Selbst-)Kontrollfreak unter den großen Filmregisseuren sie dann doch sagt, dann muss es damit eine besondere Bewandtnis haben.

Am Sonntagabend bei der Entgegennahme seiner Goldenen Palme für die Altersliebesgeschichte „Amour“ ist der 70-Jährige in Cannes sogar noch einen Schritt weitergegangen. Die Kernidee seines Drehbuchs – ein gemeinsames Verhaltensversprechen, wenn es für einen von beiden ans Sterben geht – gelte nicht nur für die von Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant verkörperten Filmfiguren, sondern auch für seine Frau und ihn. Knapp und freundlich spricht Michael Haneke es dahin, dieses unerhört intime Bekenntnis in aller Öffentlichkeit.

Das sind neue Töne für den intellektuellen Tüftler, dessen Dankesreden – und welches Füllhorn an Preisen wurde nicht schon über ihn ausgeschüttet! – wegen ihrer Kühle, ja, fast ihres Undankbarkeitsgehalts eher gefürchtet werden. Der hochgewachsene, schmalgesichtige, bebrillte Denker mit dem schlohweißen Haar: Sollte er unterdessen weise geworden sein?

Doch Vorsicht: Nur weil sich der in München geborene, in Österreich aufgewachsene und oft in Frankreich drehende Regisseur von der Schärfe seiner frühen Werke – etwa „Benny’s Video“ (1991) und „Funny Games“ (1997) – entfernt hat, ist „Amour“ noch lange kein sanfter Film. Und erst recht kein „zärtlicher“, worauf sich die Nachrichtenagenturen geeinigt haben. Vielmehr bleibt er bei aller Liebe zu seinen Figuren aufmerksam, nüchtern und schmerzhaft klar – genau so, wie sie selber auf ihr Schicksal sehen.

Es ist gerade das Unsentimentale, das einem die Tränen in die Augen treibt. Und dass Haneke Philosophie und Psychologie studierte, ist auch seinem scheinbar zugänglichsten Film jederzeit anzusehen. Verantwortlich bleiben: Das ist die positive Kehrseite jenes massiven Steuerungsbedürfnisses, durch das seine Filme so beunruhigen und oft auch verstören. Mit seiner faszinierend präzisen Arbeit „Amour“ nun ist Haneke in den Olymp jener nur sieben Filmgötter aufgestiegen, die zwei Goldene Palmen – die erste gab’s 2009 für „Das weiße Band“ – ihr Eigen nennen. Eine dritte ist ihm locker zuzutrauen. Jan Schulz-Ojala

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