Selbstbestimmung und Suizid : Immer eine offene Wunde

Assistierter Suizid ist moralisch genauso problematisch wie die Tötung auf Verlangen Wer dafür ist, dass Ärzte beim Suizid assistieren, redet der Tötung auf Verlangen das Wort. Ein Essay eines Palliativmediziners

Andreas S. Lübbe
Eine schwere Gewissensentscheidung - Hilfe zum Suizid.
Eine schwere Gewissensentscheidung - Hilfe zum Suizid.Foto: epd

Ein Großteil der deutschen Bevölkerung vertritt die Auffassung, es sei legitim, Menschen an ihrem Lebensende bei ihrem Suizid zu unterstützen. Er beruft sich auf das Selbstbestimmungsrecht und die freie Verfügbarkeit über das eigene Leben. In der Tat ist Selbstbestimmung ein hoher Wert. Allerdings ist es zumindest aus philosophischer Perspektive fraglich, ob man die Entscheidung, sich selbst zu töten oder töten zu lassen, als einen Ausdruck von Selbstbestimmung verstehen kann. Bestimmt man sich selbst, wenn man das Selbst vernichtet? Wenn der Arzt dabei Hilfe leistet, zerstört er den letzten Zweifel der Alternativlosigkeit. Für Immanuel Kant ist der Suizid die Absage an Freiheit und Selbstbestimmung. Die „Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben“ formuliert pointiert „Mein Tod gehört mir!“. Auch unsere Volksvertreter sind zum Teil dieser Auffassung. Die Argumente, etwa, man trüge Verantwortung für sich, für seine Mitmenschen und vor Gott, und das Leben sei ein Geschenk, vermögen allenfalls als Gegengewicht die moralische Waage zwischen den Befürwortern und den Gegnern des assistierten Suizids in der Balance zu halten. Aufgelöst werden kann dieser Konflikt nicht. Auch die Forderung, nicht durch eigene Hand aus dem Leben zu scheiden, verblasst hinter der dezidierten Äußerung, Leid nicht erdulden und anderen Menschen nicht zur Last fallen zu wollen. Bleibt das sogenannte „Dammbruchargument“, das alles andere überragt: die Gefahr, durch die Liberalisierung der Sterbehilfe Menschen in Rechtfertigungszwang zu bringen, weiterleben zu wollen. Das ist etwa bedenklich, wenn Menschen das Vermögen anderer durch eine Unterbringung im Pflegeheim aufzehren oder sich in der Vereinsamung nicht gut genug umsorgt fühlen.

Ist die Beihilfe zum Suizid so weit von der Tötung auf Verlangen entfernt?

Das Argument, den Suizid wenigstens durch Ärzte begleiten zu lassen, weil die im Gegensatz zu Otto Normalverbraucher besonders kompetent seien, einen Giftcocktail zu verabreichen, wird durch die Berufsordnung der Bundesärztekammer konterkariert. Ärzte sind nicht für das Töten ausgebildet worden. Wo kommt die Kompetenz her? Man erfährt von schrecklichen Fehlversuchen beim Vollzug der Todesstrafe in den USA und von missglückten Versuchen in Ländern, in denen die Tötung auf Verlangen durch einen Arzt durchgeführt wird. Gegen sie spricht sich übrigens ein großer Teil der Deutschen dezidiert aus.

Auch Sterbehilfeorganisationen wollen die meisten nicht. Beihilfe zum Suizid aber schon. Moralisch lässt sich das nicht begründen. Eine ethisch gebotene Handlung ist nicht deswegen zu verurteilen, weil sie etwas kostet oder organisiert angeboten wird. Ein vorsichtiges Fazit an dieser Stelle aus heutiger Sicht durch die Bevölkerungsmehrheit in Deutschland lautet demnach: Beihilfe zum Suizid ja, Sterbehilfeorganisationen nein, Tötung auf Verlangen nein. Ist aber die Beihilfe zum Suizid tatsächlich so weit von der Tötung auf Verlangen (früher aktive Sterbehilfe genannt) entfernt? Ich meine: nein. Wer sich für die Beihilfe zum Suizid ausspricht, kann sich gleich für die Tötung auf Verlangen positionieren. Warum?

1. Ein Argument, das ins Feld geführt wird, um die Beihilfe zum Suizid von der Tötung auf Verlangen abzugrenzen, lautet: Der Patient würde beim assistierten Suizid eine deutlich aktivere Rolle einnehmen, weil er selbst Hand an sich legt, während im anderen Fall der Arzt die Tatherrschaft übernimmt. Doch in beiden Fällen besitzt der Patient die komplette Kontrolle über den Vorgang und zwar vom ersten Gedanken über die Diskussion bis hin zur Verabreichung der todbringenden Substanz. Zu jedem Zeitpunkt ist der Patient in der Lage, seine Meinung zu ändern und den Prozess zu stoppen. Der einzige Moment, in dem dies nicht mehr möglich ist, ist der, bei dem der Arzt die todbringende Spritze appliziert. Nur diese eine Sekunde unterscheidet beide Prozeduren voneinander. Die gesamte gesellschaftliche Debatte zur Frage der Sterbehilfe konzentriert sich auf diese letzte Sekunde. Argumente gegen die eine Prozedur sollten demnach im Prinzip auch für die andere Prozedur gelten. Der an sich unfreiwillige und widernatürliche Zwang, vorzeitig aus dem Leben zu scheiden und sämtliche sozialen und wirtschaftlichen Erwägungen, die für die Ausweitung der Beihilfe zum Suizid sprechen mögen, beträfen auch die Tötung auf Verlangen.

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