Trauer nach Terroranschlägen : Warum uns die Opfer von Boston näher sind

Nach den Bombenanschlägen von Boston wird die Frage diskutiert, ob der Westen nur seine eigenen Toten sieht und für diese Interesse und Gefühl zeigt. Doch globale Empathie gibt es nicht. Die Mitleidsfähigkeit von Menschen ist nun einmal begrenzt.

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Menschen in Boston gedenken den Opfern der Attentate.
Menschen in Boston gedenken den Opfern der Attentate.Foto: Reuters

Vor einem halben Jahr wurde der 20-jährige Jonny K. in Berlin zu Tode geprügelt. Alle Berliner Medien berichteten umfangreich. Von nationalem Interesse war das Ereignis kaum, noch weniger interessierte es die internationale Presse. Kein Wunder: Gewaltverbrechen gibt es in jeder Metropole. Allein in Mexiko-Stadt sterben jährlich tausende Menschen im Krieg der Drogenbanden. Auch im Vergleich zu Ulan-Bator, Johannesburg oder Detroit lebt man in Berlin sehr sicher. Dennoch ging uns Jonny K. nahe. Sein Schicksal bewegte mehr als das Schicksal anderer Opfer brutaler Gewalt irgendwo anders auf der Welt. Ist das unfair?

Regelmäßig berichten Berliner Medien ausführlich über die Pannen rund um den geplanten neuen Flughafen BER. Dabei werden die Kataris von ähnlichen Sorgen geplagt wie die Berliner. Der neue internationale Flughafen in Doha (Hamad) sollte ursprünglich 2010 eröffnet werden. Mehrmals musste der Termin seitdem verschoben werden. Außerdem wird er immer teurer. In Denver (USA) verlief die Flughafenplanung Mitte der neunziger Jahre ebenfalls chaotisch. Doch das interessiert hier niemanden. BER ist für uns der Nabel der Welt. Ist das unfair?

Großeinsatz in Boston
Jubel in den USA: Der mutmaßliche zweite Bombenleger von Boston wurde gefasst.Weitere Bilder anzeigen
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20.04.2013 08:00Jubel in den USA: Der mutmaßliche zweite Bombenleger von Boston wurde gefasst.

Seit der Enttarnung der rechtsextremen Terrorzelle NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) befasst sich die deutsche Öffentlichkeit intensiv und in vielen Facetten mit dem Thema Rechtsterrorismus. Innerhalb von sieben Jahren ermordeten die Bandenmitglieder zehn Menschen. Diese Zahl ließe sich durch einen internationalen Vergleich ebenfalls relativieren. Auf zehn Anschlagsopfer kommt ein Taliban in Afghanistan oder ein Al-Nusra-Aktivist in Syrien an einem Tag. Doch diese Opfer nehmen deutsche Medien kaum wahr. Ist das unfair?

Seit den Bombenanschlägen von Boston wird die Frage diskutiert, ob der Westen nur seine eigenen Toten sieht und für diese Interesse und Gefühl zeigt. Fast zeitgleich mit den Bombenexplosionen in Boston starben bei Anschlägen im Irak, in Syrien und Pakistan fast hundert Menschen, über die sich in den hiesigen Medien keine einzige Zeile fand.

Messen wir mit zweierlei Maß? Ja, das tun wir. Denn die Mitleidsfähigkeit des Menschen ist begrenzt. Zu einer ihm von der 24-stündigen medialen Katastrophenberichterstattung abverlangten globalen Empathie ist er nicht fähig. Sein Gefühlshaushalt braucht Struktur und Priorität.

Moral entwickelt sich auch durch Nähe. Ein Vater, der nach einem Schiffsunglück nur die Wahl hat, entweder links seine eigenen zwei Kinder vor dem Ertrinken zu retten oder rechts drei fremde Kinder, wird sich wahrscheinlich für die eigenen entscheiden. Ihm das vorzuwerfen, wäre weltfremd. In Afrika hungert jedes dritte Kind. In Ländern wie Malawi und Simbabwe sind ein Drittel der Menschen an Aids erkrankt. Würde sich unsere mediale Öffentlichkeit an den abstrakten Kategorien Leid und Elend orientieren, müsste darüber täglich prominent berichtet werden.

Mediale Aufmerksamkeit resultiert aus vielen Faktoren. Ist das Ereignis plötzlich, neu und nah (Nine-Eleven, Tsunami, Hurrikan „Katrina“, chilenische Bergarbeiter)? Oder ist es stetig, in der Abfolge gleich und fern (Überschwemmungen in China, Erdbeben in Pakistan, Anschläge im Irak)? Die Tsunami-Region war ein Urlaubsgebiet, unter den Opfern waren Deutsche. Außerdem geschah die Katastrophe kurz nach Weihnachten, also in einer sehr nachrichtenarmen Zeit. Entsprechend groß und anhaltend war die Aufmerksamkeit.

Entgegengesetzt fiel die Reaktion vor knapp zwanzig Jahren aus. Damals ermordeten in Ruanda innerhalb von hundert Tagen Angehörige der Hutu-Mehrheit mehr als 800 000 Tutsi. Beschämend spärlich waren die Berichte. Die Zurückhaltung hing damit zusammen, dass unmittelbar zuvor – und als Ergebnis umfangreicher TV-Dokumentationen über den Hunger in der Region – die Weltgemeinschaft in Somalia interveniert hatte und zum Dank dafür von Milizen durch die Straßen von Mogadischu geschleift und aus dem Land vertrieben worden war.

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