Meinung : Über das Verwässern der deutschen Sprache

Unsere Mitarbeiterin Anna Sauerbrey hat im August und September 2013 im Rahmen des Arthur F. Burns Journalistenstipendiums in den USA gelebt und gearbeitet. In dieser Zeit schrieb sie sowohl für den Tagesspiegel als auch für amerikanische Zeitungen. Ned Brown antwortet auf einen Text, der am 26. September in der New York Times erschienen ist.

Im 18. Jahrhundert machten sich viele Deutsche Sorgen wegen der Vormachtstellung der französischen Sprache, welche in gebildeten Kreisen dem Deutschen vorgezogen wurde. Auch zur Glanzzeit Napoleons fürchteten viele, dass die deutsche Sprache verschwinden könnte. Dies war nicht der Fall. Könnte die deutsche Sprache im 21. Jahrhundert aber von diesem Schicksal durch die Hand der englischen Sprache heimgesucht werden?

Anna Sauerbrey, eine Redakteurin dieser Zeitung, findet keinen Grund zur Besorgnis. Ende September erschien ihr Aufsatz „How Do You Say ,Blog’ in German?“ in der New York Times mit dem Untertitel „Why Europeans should embrace linguistic cosmopolitanism.“ Sauerbrey schrieb, weil der neuesten Ausgabe des Dudens viele englische Wörter hinzugefügt worden waren, was sie im Namen ihres Jahrganges Zwanzig- und Dreißigjähriger begrüßte.

Laut Sauerbrey sei das Schützen der deutschen Sprache in einem sich schnell homogenisierenden Europa vergeblich. Wir finden nichts dabei, schreibt sie, wenn englische Wörter ins Deutsche integriert werden. Sauerbrey gewährt auch keine Schonung: Diejenigen, die mit ihr nicht übereinstimmen, seien konservativ, megalomanisch, antikosmopolitisch und nativistisch.

Natürlich ist das Schützen einer Sprache in einer Welt, die sich immer mehr verbindet, schwer. Jedoch, wenigstens nach Ansicht dieses häufigen Besuchers und Sympathisanten aus Amerika, sind viele Deutsche, die versuchen ihre Sprache zu erhalten, keine Erzkonservativen. Stattdessen ist die Erhaltung sprachlicher und kultureller Vielfältigkeit ihre lobenswerte Absicht.

Sauerbrey beschwört altmodisch Gesinnte herauf, die mit der Vergangenheit verheiratet sind. Aber die Realität ist nicht so einfach: Unter vielen denkenden Leute besteht eine Liebe zu eigenständigen Sprachen. Alexander von Humboldt hatte beispielsweise eine solche Liebe und verlangte nach der Erhaltung bedrohter Sprachen. Der amerikanische Literaturkritiker Edmund Wilson äußerte in den Zwanzigern eine Einstellung, die, glaube ich, zahlreiche Deutsche teilen: ,,Ich erfahre immer einen beinah sinnlichen Rausch, wenn ich eine neue Sprache in Angriff nehme“.

Die in Deutschland geborene Romanschriftstellerin und Memoirenverfasserin Sybille Bedford fing auch die Gesinnung, die ich darstelle, ein, als sie schrieb: „Einsprachigkeit schränkt den Geist auf die Grenzen einer Straßenbahnlinie ein. Die zivilisierte Gesinnung braucht Alternativen, um sich auszudrücken. … Jede erworbene Fremdsprache erschließt einem“, was Bedford „Lied-Zeilen“ (song-lines) nannte.

Von Humboldt, Wilson und Bedford hatten, als sie fremde Verständigungsmittel in Ehren hielten, eindeutig verschiedene Sprachen im Sinn, die sich in verschiedenen Ländern entwickelten und die verschiedene Ausdrucksmittel boten. Meiner Einschätzung nach wäre keiner von ihnen über die Aufnahme von ein paar Fremdwörtern in den deutschen Sprachgebrauch bestürzt. Doch dachten sie weder an eine mit Fremdwörtern überfüllte Sprachsuppe noch an die Zwangspensionierung kräftiger einheimischer Wörter. Umso mehr trifft das zu, wenn es keine Gegenseitigkeit gibt, wenn fast ausschließlich Wörter einer Kultur in andere Kulturen aufgenommen werden und auch, wenn der Einsatz von Fremdwörtern oft um der Neuheit oder der Mode willen geschieht.

Nicht nur unterschätzt Sauerbrey den Unterschied zwischen der allmählichen Einführung eines Rinnsales an Fremdwörtern und dem Überschwemmen einer Sprache mit ausländischen Wörtern, sondern sie nennt jemanden, der diese Überflutung beklagt, „antikosmopolitisch“. Demgemäß ist eine Person, die das Verwässern ihrer Sprache lobt, kosmopolitisch und aufgeschlossen, wohingegen eine Person, die getrennte Kulturen würdigt, nativistisch ist.

Sauerbrey spricht für eine Mehrheit jüngerer Deutscher, behauptet sie. Das mag wohl sein. Ich erlaube mir nicht für meinen – älteren – Jahrgang oder für Mitbeobachter im Ausland zu sprechen, sondern für die Leute in der Zukunft, die Sauerbreys Meinung nicht teilen könnten. An sie vor allem muss die Sprache relativ unversehrt vererbt werden.

Ned Brown, freier Journalist,

lebt in den USA

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