Meinung : Warum Auschwitz?

Der Holocaust gilt als unerklärbar, ist es aber nicht / Von Gunnar Heinsohn

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Zunächst ein paar Ratlosigkeiten angesehener Holocaust-Forscher:

(1) Der Altmeister der Hitlerforschung, Alan Bullock (1999): „Je mehr ich über Hitler lerne, desto schwerer fällt es mir, ihn zu erklären.“ (2) Der beste Nachwuchsforscher aus dem Mainstream, Ulrich Herbert (1998): „Da es keine Theorie des Holocaust gibt, ist es im Grunde immer wieder nur die Auseinandersetzung mit dem Geschehen selbst, die das Bedürfnis nach Aufklärung stillen kann.“ (3 und 4) Zwei Talente mit Wurzeln in der Linken, Götz Aly (2002) und Hanns C. Löhr (2004): „Kein ernsthafter Historiker wird heute ,Hitlers Obsessionen‘ die hauptsächliche oder gar alleinige Verantwortung an der Ermordung der europäischen Juden zuschreiben.” (Aly). „An der Verantwortung Adolf Hitlers für die Vernichtung der europäischen Juden während des Zweiten Weltkrieges besteht kein Zweifel.” (Löhr).

Und noch vier Ratlosigkeiten: (5) Der tiefschürfendste Hitler-Biograf, Ian Kershaw (1998): „Hitler hat uns auf schlimmste Weise gezeigt, wozu wir fähig sind. ,Auschwitz‘ liegt an der Grenze der Erklärbarkeit: Historiker können beschreiben, wie es so weit gekommen ist, aber warum es dazu kam, ist eine ganz andere Frage.“ (6) Israels führender Holocaust-Historiker, Yehuda Bauer (1999): „Hitler ist im Prinzip erklärbar; das bedeutet aber nicht, dass er erklärt worden ist.“ (7) Die bekannteste Holocaust-Philosophin, Agnes Heller (1993): „Der Holocaust ist weder zu erklären noch zu verstehen. Er hatte keinen Zweck; er war weder die Befreiung noch ein Ereignis innerhalb einer Kausalitätskette. Was irrational und per se unvernünftig ist, lässt sich nicht integrieren.“ (8) Der erfahrenste aller Hitler-Forscher, Joachim Fest (2004): „Ich verstehe es (das Ermorden der Juden, d. Red.) nicht, und keiner, der sich je damit beschäftigt hat, ist einer überzeugenden Deutung auch nur nahe gekommen.“ (9) Der große alte Mann der Holocaust-Überlebenden, Ernst Cramer (2006): „Dieser Genozid war die größte Katastrophe, welche die Juden je befiel und gleichzeitig unbegreiflichste Tragödie in der deutschen Geschichte.“

Ist die Tragödie unbegreiflich? Warum Auschwitz? Versuch einer kurzen Antwort: Hitler wollte die archaischen Stammespraktiken des Infantizids und der Völkervernichtung wiederherstellen und dafür das Volk des Tötungsverbotes der Zehn Gebote auslöschen. Bald nach dem Ersten Weltkrieg hatte er das Judentum als Verursacher für die ethische Überwindung dieser uralten Tötungssitten identifiziert. Die Niederlage des Deutschen Reiches im Krieg von 1914–18 schob er auf „religiöse Prinzipien“. Sie seien allein von deutscher Seite eingehalten worden, wodurch der Wille zum bedingungslosen Töten für den Sieg „zersetzt“ worden sei. Diese Analyse erstellte Hitler ohne persönlichen Hass auf Juden, er war frei von „Radau-Antisemitismus“.

Hitler selbst wollte keineswegs ein besonders rücksichtsloser Übertreter des jüdisch geschöpften Tötungsverbotes sein, sondern dessen kompromissloser Beseitiger. Aus dem Studium der Geschichte hatte er die Überzeugung gewonnen, dass vor Entstehung der jüdischen Ethik der Lebensheiligkeit und des Fremdenschutzes ganz andere Normen geherrscht hatten – die Stärkung nach innen durch Tötung behinderten Nachwuchses und die Unüberwindbarkeit nach außen durch Ausrottung und nicht nur Niederwerfung des Gegners. Diesen althergebrachten Tötungsrechten wollte er für eine globale Führungsrolle Deutschlands – und deshalb die Germanisierung Europas bis zum Ural – von neuem Geltung verschaffen. 100 Millionen Slawen sollten durch sofortige Tötung, Zwangsarbeit, „Umvolkung“ oder Deportation nach Sibirien eliminiert werden. Etwa 11 Millionen wurden bis Kriegsende getötet.

Der Beseitigung der Juden als Voraussetzung für die Ausmerzung der jüdischen Ethik war von Hitler mithin als Maßnahme zur Wiederherstellung eines Rechts auf Tötung aller internen „Schwächer“ und „Zersetzer“ sowie aller – vorzüglich jedoch slawischen – raumpolitischen Gegner gedacht. Sie erfolgte deshalb gleichzeitig mit der Eroberung östlichen Lebensraums. Dabei handelte es sich nicht wie bei den Feldzügen gegen Frankreich, Dänemark und Norwegen um reguläre Kriege, sondern um genozidale Tötungen unter dem Schutz der Wehrmacht.

In einer kalt-modernen Sprache könnte man sagen, dass Hitler die Hardware, die jüdischen Menschen, zerschmettern ließ, um die Software, das jüdische Programm der Lebensheiligkeit, aus dem deutschen Bewusstsein zu löschen. Freilich wurden auch Nichtjuden – insbesondere Christen – beseitigt, nämlich dann, wenn sie aktiv für das jüdisch-ethische Erbe des Lebensschutzes eintraten, sich also als jüdisch „infiziert“ erwiesen.

Der Autor ist Genozid- und Zivilisationsforscher. Er unterrichtet an der Universität Bremen.

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