Meinung : Warum schämen wir uns?

Foto: TU Dresden
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Berichterstattung zu Minister zu Guttenberg

Normale“ Akademiker würden sich schämen! In welcher Welt leben Sie ? Wie viele Doktoranden arbeiten „jahrelang Vollzeit“ an ihrer Arbeit und haben es damit so viel besser als der arme, überlastete Familienvater und Teilzeitwissenschaftler Guttenberg? Die meisten Doktorarbeiten sind sicher unter wesentlich ungünstigeren Begleitumständen entstanden. Nicht mit Schloss und Firma und vollausgestattetem Büro samt Hilfskräften im Hintergrund, sondern mit Nebenjobs, Zeitmangel, Geldproblemen und kleinen Kindern, die um den Schreibtisch krabbeln. Wenn nur die, die sonst nichts zu tun haben, Dissertationen schrieben, gäbe es wohl nicht viele. Viele Dissertationen aber sind unter wesentlich mühsameren Umständen geschrieben worden und sind nicht nur vielleicht besser, sondern jedenfalls unter Wahrung guter wissenschaftlicher Praxis geschrieben. Um so dreist abzukupfern wie der Pomademinister, muss man in Deutschland wohl von Adel sein. Normale Menschen würden sich schämen.

Kariane (Der Kommentar ist ein Beitrag

zur Debatte in unserer Online-Community)

Was ist eigentlich Scham? Warum schämen wir uns überhaupt? Und warum sagt man manchmal, jemand „solle sich schämen?“ Sie spielen auf diese Fragen an, wenn sie schreiben: „Normale Akademiker würden sich schämen“. Nun, zunächst einmal zum Begriff der Scham. Scham ist eine emotionale Reaktion in Verbindung mit Gefühlen der Entblößung und/oder Schutzlosigkeit und/oder Demütigung bzw. Herabsetzung durch andere. Scham hängt also mit einer Enthüllung durch andere zusammen. Scham speist sich aus dem Empfinden einer Bloßstellung und geht einher mit Ehrverlust und oft auch dem Gefühl des Versagthabens. Scham entsteht also in einer sozialen Situation, in der etwas verborgen bleiben sollte und dennoch plötzlich an Licht kommt. Der Übergang zwischen Verlegenheit, Peinlichkeit, Scham, Schuld und sozialer Angst ist dabei fließend. Das, was ans Licht kommt, ist uns peinlich. Dies passiert, weil in unseren eigenen Augen eine Grenzüberschreitung stattgefunden hat.

Scham ist dabei immer eine reflexive Emotion: Ich schäme mich für mich oder jemanden. Es kommt aus mir heraus, weil meine eigenen Vorstellungen verletzt wurden. In der Scham wird also eine Diskrepanz zwischen realem und idealem Selbst wahrgenommen. Scham ist also bezogen auf subjektive Wertvorstellungen, die auch einer starken gesellschaftlichen, kulturellen Definition unterliegen.

Weil diese Normen sehr unterschiedlicher Natur sind, abhängig z.B. von religiöser Orientierung, eigenem Wertekontext und auch vom Kulturkreis – so wird den Japanern attestiert, dass es ihnen immens wichtig sei, ihr Gesicht zu wahren - differiert die Schamorientierung von Mensch zu Mensch stark. Wir erleben es täglich: Beim einen ist es die schief sitzende Hose, die ihm peinlich ist. Eine andere empfindet Scham, wenn sie in einer Konferenz eine vermeintlich dumme Bemerkung macht. Und Herr Minister Guttenberg scheint, zumindest nach außen, auf der öffentlichen, massenmedialen Bühne von keinerlei Schamgefühl gepeinigt zu sein. So schämen wir uns stellvertretend. Sich für jemanden zu schämen hat dabei zudem viel mit dem Hineinversetzen in eine andere Person zu tun: Die Form von „Fremdscham“ kann nur der empfinden, der in der Lage ist, sich in den anderen zu versetzen und sich dessen Entblößung für ihn stellvertretend gewahr wird. Das durch die Massenmedien ermöglichte Beobachten kann dabei stellvertretende Scham hervorrufen, da man sich vorstellt, wie man sich selbst in der Situation fühlen würde.

Doch warum ist eigentlich der eine viel schamhafter als ein anderer? Zunächst: Scham hat viel mit Identität zu tun. Es geht dabei um die Selbstdefinition der eigenen Identität und ihren eigenen moralischen und ethischen Aspekten. Scham korrespondiert dabei stark mit Selbstaufmerksamkeit. Das bedeutet, dass die Bereiche, auf die ich erhöhte Selbstaufmerksamkeit richte, am ehesten von Scham betroffen sein können.

Sollten wir den Eindruck haben, dass bei Herrn Minister Guttenberg das Schämen ausbleibt, könnte eine Erklärung darin liegen, dass er eine enorme Verdrängungsleistung erbringt, Teile seiner Persönlichkeit und Wertvorstellungen zumindest nach außen, in der Öffentlichkeit, von sich abgrenzt. Eine Analogie des Empfindens von Scham und Verdrängung zeigt sich auch bei Männern, die ihre Frau betrügen. Auch sie verdrängen ihre Handlungen der Untreue oft massiv, damit das schlechte Gewissen nicht zu Scham und Schuld führt. Abschließend: Ja, anständige, „normale“ Akademiker würden sich schämen, denn sie sitzen jahrelang an ihren Arbeiten, opfern damit nicht nur ihre Freizeit, aber was ist schon „normal“ in einer Welt, in der Schein oft mehr zählt als Sein, in der sich Verdrängung zu einer gängigen Charaktereigenschaft entwickelt hat

Wie beschämend in der Tat!

In einer Gesellschaft, in der das Lügen zu einem Kavaliersdelikt geworden ist, bleibt uns wohl nur noch die Fremdscham!

— Dr. phil. Katrin Döveling ist Professorin am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaften der TU Dresden. Sie forscht zum Thema Scham und Fremdschämen.

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