Wissen : Im Blindflug durchs Wunderland

Auf die Komplexität der heutigen Welt hat uns die Evolution nicht vorbereitet. Es wird immer schwieriger, echtes Wissen vom sogenannten "Chauffeurs-Wissen" zu trennen.

Rolf Dobelli
Rolf Dobelli ist Schriftsteller, Unternehmer und Gründer von ZURICH. MINDS, einer Community von interdisziplinären Denkern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Sein neuer Roman „Massimo Marini“ ist soeben beim Diogenes-Verlag erschienen.
Rolf Dobelli ist Schriftsteller, Unternehmer und Gründer von ZURICH. MINDS, einer Community von interdisziplinären Denkern aus...Foto: ddp

In „Alice im Wunderland“ taucht die Titelheldin in eine Welt ein, wo die Kaninchen riesig sind, die Uhren rückwärts laufen und die Leute wie Spielkarten aussehen. Es ist eine Welt voller Paradoxe und Absurditäten, die Alice nicht mehr versteht. Wir leben zwar nicht im Wunderland, doch so ähnlich fühlt es sich an. Wir haben – wie Alice – eine kognitive Grenze überschritten. Wir kommen nicht mehr mit. Es ist an der Zeit, dies auszusprechen und die Schlüsse daraus zu ziehen.

Die Medien sind voller Kommentare zur Finanzkrise. Analyse türmt sich auf Analyse, Rettungsvorschlag auf Rettungsvorschlag. Doch die Experten täuschen ein Verständnis vor, das nicht da ist.

Es gibt etwa eine Million ausgebildeter Ökonomen auf diesem Planeten. Kein einziger hat das Timing der Finanzkrise exakt vorausgesagt, geschweige denn, wie die Sequenz vom Platzen der Immobilienblase über den Zerfall der Credit Default Swaps bis hin zur ausgewachsenen Wirtschaftskrise ablaufen würde. Nie hat eine Wissenschaft spektakulärer versagt. Sollten wir nun ihre Analysen und Rettungsvorschläge ernst nehmen?

Eine rhetorische Frage. Die spannendere aber ist: Warum haben die Ökonomen versagt? Der Grund liegt nicht in mangelnden Daten. Mit Ausnahme der Astro- und Elementarteilchenphysik kann keine Wissenschaft aus einem so reichen Datenpool schöpfen wie die Ökonomie. Das Versagen hat auch nichts mit mangelndem Willen zu tun. Nirgendwo sind die monetären Anreize, die Welt zu verstehen, so groß wie auf den Finanzmärkten. Das Versagen ist bloßes Symptom einer tieferen Ursache: Der Finanzmarkt ist zu komplex geworden, als dass wir ihn prinzipiell verstehen könnten.

Überall, wo wir es mit extremer Komplexität zu tun haben, stoßen wir auf dieselbe Erkenntnisgrenze. Denken wir nur an die Frage der Erderwärmung, an die unausrottbaren regionalen Konflikte, an die Proliferation von Waffen oder an die chaotischen Adoptionskurven von Modetrends. Während die harten Wissenschaften wie Physik, Chemie und besonders Biologie von Erfolg zu Erfolg schreiten, stapfen wir überall dort, wo viele Menschen im Spiel sind, in den Erkenntnissumpf. Der Schluss ist eindeutig: Wir sind an eine epistemologische Grenze gestoßen. Wir haben eine Welt geschaffen, die wir nicht mehr verstehen.

Diese Erkenntnis ist schockierend, ja, unerträglich, denn unser Selbstverständnis geht davon aus, dass wir mit genügend großem Einsatz von Daten und Intelligenz prinzipiell in der Lage sind, alles zu verstehen. Doch warum sollte dies zwangsläufig so sein? Warum sollte eine Spezies, die für ein Leben als Jäger und Sammler optimiert ist, so etwas wie globale Finanzmärkte verstehen? Warum sollte die Säugetierart Homo sapiens sapiens, die während 200 000 Jahren in überschaubaren Kleingruppen von 50 Individuen gelebt hat, zum Beispiel den Einfluss von Social Networks auf die Konsensfähigkeit einer Gesellschaft abschätzen können? So betrachtet, erstaunt unsere Unfähigkeit nicht. Die Komplexität der ökonomisch-ökologisch-sozialen Sphäre hat die Komplexität des menschlichen Hirns überstiegen. Vielleicht seit der Industrialisierung, ganz sicher aber mit der Globalisierung haben wir diese Verständnisgrenze überschritten.

Ich mag den Begriff Komplexität nicht, weil er zu oft falsch gebraucht wird. Er dient vielen Denkfaulen als Ausrede. Man kratzt sich am Kopf und jammert: „Das ist halt ein komplexes Problem“. Doch man meint damit nur, dass es ein schwieriges ist.

Was ich meine, sind multiple Kausalitäten (A hat einen Effekt auf B, C und D), multiple Einflüsse (E, F und G wirken gleichzeitig auf A ein), Rückkopplungsschleifen (A wirkt auf A zurück) und zeitlich verzögerte Wirkungen. Solche Systeme sind intuitiv vom Menschen nicht mehr zu begreifen. Wir haben kein Gefühl dafür. So wie wir kein Gefühl für die Quantenmechanik oder die Relativitätstheorie haben, haben wir kein Gefühl für den Grad der Verschuldung eines Staates oder für das Risiko, das in der Bilanz einer Großbank schlummert. Wir haben Neuland betreten, auf das wir evolutionär nicht vorbereitet sind, und in das hinein wir wie Blinde torkeln.

Der Fluch der Komplexität sind die sogenannten unbeabsichtigten Folgen. Ich habe mir vor Jahren zum Sport gemacht, unbeabsichtigte Folgen zu sammeln – aus der Wirtschaft, Politik, aber auch aus meinem persönlichen Leben. Sie warnen mich vor der Gefahr, mein Wissen zu überschätzen. Ein Beispiel: Um das exzessive Wachstum der Löhne von Unternehmens-Vorständen zu bremsen, wurden in vielen Staaten Offenlegungs­Vorschriften verabschiedet. Der Gesetzgeber hoffte, dass der Druck der Aktionäre (und die öffentliche Empörung) die Firmenbosse zur Vernunft bringen würde. Das Gegenteil trat ein. Gerade weil die Löhne nun öffentlich waren, kam es einer Demütigung gleich, weniger zu verdienen als der Kollege der Konkurrenz. Die Löhne von Geschäftsführern und Vorstandsmitgliedern sind seither zu einem Statussymbol geworden. Dies ist nicht einmal ein extrem komplexes Thema. Mit ein bisschen Nachdenken hätte man sich das Ergebnis – zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit – ausrechnen können.

Ein komplexeres Beispiel: Ein erstes Antibiotikum kam in den 30er Jahren als Massenprodukt auf den Markt und wurde gegen alle möglichen bakteriellen Infektionen eingesetzt – was anfänglich bestens funktionierte. Doch nach etwa zehn Jahren nahm die Wirksamkeit rasant ab. Also entwickelte man ein neues Antibiotikum, setzte es wieder in Massen ein, es tat acht Jahre lang seinen Dienst, dann verlor es die Wirksamkeit. Das nächste funktionierte nur noch fünf Jahre lang. Man hatte nicht damit gerechnet, dass der gut gemeinte Masseneinsatz zu einem enormen Selektionsdruck unter den Bakterien führt. Es genügte, dass ein einziges Bakterium mutierte und nicht mehr auf Antibiotika reagierte. Dieses resistente Bakterium hatte nun keine Konkurrenz-Bakterien mehr – das Medikament hatte sie alle getötet. In der Folge konnte es sich unbeschränkt vermehren. Seine „Bevölkerung“ explodierte, und zwar weltweit innerhalb weniger Jahre. Paradox: Statt gefährlicheBakterien abzutöten, züchtete man sie heran. Das freizügige Verschreiben von Antibiotika ist eine Knacknuss, die wir vielleicht bald einmal nicht mehr in den Griff bekommen.

Will ich so einen Sachverhalt verstehen, lese ich Bücher und spreche mit jenen Personen, die das Thema wirklich durchgedacht haben. Nachdem er den Physik-Nobelpreis 1918 erhalten hatte, ging Max Planck auf Tournee durch ganz Deutschland. Wo auch immer er eingeladen wurde, hielt er denselben Vortrag zur neuen Quantenmechanik. Mit der Zeit kannte sein Chauffeur den Vortrag auswendig. „Es muss Ihnen langweilig sein, Herr Professor Planck, ständig denselben Vortrag zu halten. Ich schlage vor, dass ich den Vortrag in München bestreite, und Sie sitzen in der vordersten Reihe und tragen meine Chauffeur-Mütze. Das gäbe uns beiden ein bisschen Abwechslung.“ Max Planck war einverstanden, und so hielt der Chauffeur den langen Vortrag zur Quantenmechanik vor dem hochkarätigen Publikum in München. Nach einer Weile meldete sich ein Physikprofessor mit einer Frage. Der Chauffeur antwortete: „Nie hätte ich gedacht, dass in einer so fortschrittlichen Stadt wie München eine so einfache Frage gestellt würde. Ich werde meinen Chauffeur bitten, die Frage zu beantworten.“

Es gibt zwei Arten von Wissen. Das eine ist das echte Wissen. Es stammt von Menschen, die ihr Wissen mit einem ungeheuren Einsatz von Zeit und Denkarbeit bezahlt haben. Charlie Munger, die rechte Hand von Warren Buffett, von dem ich die Max-Planck-Geschichte habe, warnt vor dem anderen Wissen, dem „Chauffeurs-Wissen“, das in banalisierter Form über die Massenmedien auf uns einprasselt. Chauffeure sind Leute, die so tun, als würden sie wissen. Sie haben gelernt, eine Show abzuziehen oder nachzuplappern. Was sie verbreiten, ist hohles Wissen. Sie verschleudern eloquent Worthülsen.

Leider wird es immer schwieriger, das echte vom Chauffeurs-Wissen zu trennen. Bei den Nachrichtensprechern ist es noch einfach. Es sind Schauspieler. Punkt. Und doch überrascht es immer wieder, welchen Respekt man ihnen zollt. Bei den Journalisten wird es schon schwieriger. Hier gibt es solche, die sich ein solides Wissen angeeignet haben. Es sind oft die älteren Semester, Journalisten, die sich über Jahre auf wenige Themen spezialisiert haben. Sie schreiben oft die längeren Artikel, und die Artikel sind voll von Differenzierungen. Viele Journalisten, selbst intelligente, fallen leider in die Chauffeur-Kategorie. Dank Internet zaubern sie in kürzester Zeit Artikel zu jedem beliebigen Thema aus dem Hut. Ihre Beiträge sind entsprechend einseitig, kurz und – oft als Kompensation für ihr Chauffeur-Wissen – ironisch. Folgt man ihrer Berichterstattung, so sieht man schnell, dass sie über alle möglichen Themen schreiben. Ich habe mir daher abgewöhnt, News zu konsumieren – weder über Zeitungen, noch übers Fernsehen oder übers Internet. Ich lese möglichst lange Hintergrundartikel und Bücher und nehme mir die Zeit, ausgiebig darüber nachzudenken.

Dass die Komplexität weiter zunehmen wird, steht außer Frage. Dies bedeutet nicht, dass Welt untergeht. Es bedeutet bloß, dass wir Fehlentscheidungen in ungeahntem Ausmaß machen werden. Und doch kommen wir nicht darum herum, zu entscheiden und zu handeln. Aber wie? Diese Frage stelle ich mir seit einigen Jahren. Die Antworten, die ich hier offeriere, sind vorläufig und unausgegoren.

Erstens: Jede Entscheidung zieht einen Schwarm von unbeabsichtigten Konsequenzen nach sich. Wir tun gut daran, so viele sich widersprechende Meinungen wie möglich einzuholen und so viele Züge wie möglich vorauszudenken.

Zweitens: Alles, was lokal gelöst werden kann, soll lokal gelöst und nicht global „vertagt“ werden. Warum? Weil lokale Lösungen immer schneller und weniger bürokratisch sind. Es ist erstaunlich, wie wenige Probleme wirklich eine globale Lösung verlangen. Mir fallen nur zwei ein: Die Erderwärmung sowie die Verschmutzung und Überfischung der Ozeane. Armut, Hunger, Terrorismus, selbst die Proliferation von nuklearem Material löst man viel effizienter lokal oder bilateral statt sich vom erhabenen Gefühl globaler Megakonferenzen mittragen zu lassen.

Drittens: Wir dürfen die Entscheidungsträger in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik nicht mehr an ihren Resultaten messen, sondern an ihren Entscheidungsprozessen. Wie gut wurden die Entscheidungen vorbereitet? Wurden Kritiker und unabhängige Denker eingeladen? Gibt es Eventualpläne für alle Szenarien? Solange der Entscheidungsprozess nachweislich sauber durchgeführt wurde, dürfen wir uns über die Resultate nicht aufregen.

Viertens: Wir sollten akzeptieren, dass es keine eindeutigen Prognosen mehr gibt. Die Ergebnisse unserer Überlegungen sind bestenfalls probabilistisch, wobei die Wahrscheinlichkeiten in einem breiten Band liegen.

Fünftens: Die Interdisziplinarität ist zu fördern – besonders an den Universitäten, wo der Trend, getrieben durch die Jagd nach einem hohen Zitate-Index, leider in die andere Richtung läuft.

Sechstens: Komplexität muss wissenschaftlich erforscht werden. Ein Team unter der Leitung des Physikers Didier Sornette, der den Lehrstuhl für Unternehmerische Risiken an der ETH Zürich inne hat, ist dabei weltweit führend.

Dass wir an kognitive Grenzen stoßen, hat uns vor über 200 Jahren bereits der Philosoph Immanuel Kant vorgeführt. Doch erst jetzt stoßen wir täglich aufs Neue an eine handfeste Verständnisgrenze. Ohne böse Absicht haben wir ein Wunderland geschaffen, das wir nicht mehr verstehen.

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