Zionskirche : Ein Ort der Erinnerung verkommt

Der Umgang mit der Berliner Zionskirche ist pietätlos, meint Michael Wolffsohn. Dass im eher "heidnischen" Deutschland und Berlin Kirchen verkommen, sei keine Überraschung. Die Zionskirche ist jedoch weit mehr als "nur" eine Kirche.

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Die Evangelische Zionskirche am Zionskirchplatz in Berlin-Mitte ist nicht gerade in bestem Zustand.Alle Bilder anzeigen
Alle Fotos: Thilo Rückeis (2008)
01.07.2011 09:08Die Evangelische Zionskirche am Zionskirchplatz in Berlin-Mitte ist nicht gerade in bestem Zustand.

Deutsche Erinnerung ist oft phrasenreich und seelenlos. Sie bewirkt Vergessen. Ein gutes Beispiel für diese schlechte Erinnerungspolitik bietet Berlins Zionskirche. Der Zustand dieser Kirche ist ein Skandal. Das gilt besonders für den Innenraum. Er sieht bald 21 Jahre nach der Wiedervereinigung total vergammelt aus; als hätten dort Germaniens Vandalen vorgestern ihr Unwesen getrieben. Als jüdischer Deutscher schäme ich mich für diesen Zustand einer Kirche.

Dass im eher „heidnischen“ Deutschland und Berlin Kirchen verkommen, ist keine Überraschung. Die Zionskirche ist jedoch weit mehr als „nur“ eine Kirche. Hier hat während des „Dritten Reiches“ Dietrich Bonhoeffer gewirkt, ein Mann des Widerstands. Er war nicht irgendeiner, sondern ein herausragender Widerständler und wurde im April 1945 von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet. Evangelische Christen tragen Bonhoeffer zurecht wie ihre katholischen Brüder als „Monstranz“ (ein „liturgisches Schaugerät“ zur „Verehrung und Anbetung“) vor sich her. Weshalb gehen Senat, Evangelische Kirche und Berlins Denkmalschutz mit dem Andenken dieses Widerständlers in seiner Kirche so pietätslos um?

Gewiss, in der Kirche steht ein Großfoto Bonhoeffers und vor der Zionskirche wurde ein Denkmal aufgestellt, das an ihn erinnert. Das ist erfreulich, muss uns aber weniger beeindrucken als die Tatsache, dass in, ja, Breslau vor der Elisabethkirche im Zentrum der Stadt ein zweiter Abguss dieses Denkmals an den großartigen deutschen Widerständler erinnert. Erinnerung und Versöhnung, dort, im heute polnischen Breslau wird sie Ereignis. Bei uns in Berlin wird Bonhoeffers auf diese Weise gedacht: „Außen hui und innen pfui.“

Nicht genug mit der Vernachlässigung dieser Widerstandserinnerung. Die Zionskirche war in der End-DDR ein zentraler Ort der Bürgerrechtsbewegung, der 1987 von DDR-Rechtsextremisten überfallen wurde. Die DDR-Polizei schaute zu und verhinderte nichts – weil es in der DDR „natürlich“ keinen Rechtsextremismus gab, nur in der „BRD“ und der „selbständigen politischen Einheit Westberlin“.

Wo sonst in Deutschland gibt es außer der Zionskirche einen Ort, an dem zweier deutscher Widerstände gegen zwei deutsche Diktaturen würdevoll gedacht werden könnte? Hat „man“ (wer?) Angst, dass damit die Braune und Rote Diktatur gleichgesetzt werden könnte? Schämt man sich des einen oder anderen Widerstands, gar beider?

„Erinnerung“ und „Gegen das Vergessen“ der Verbrechen – das verlangt das „Anständige Deutschland“. Zahllose Organisationen werden hierfür großzügig finanziert, öffentlich und privat. Es reicht nicht, sich nur der Verbrechen zu erinnern. Erziehung muss immer auch das Positive zeigen. Wer nicht an den Widerstand gegen Verbrechen erinnert, wird und wirkt und ist unglaubwürdig. „Erinnerung“ an die NS-Verbrechen ist notwendige Selbstkritik auf kollektiver Basis. Wer sich nicht selbst annimmt, kann den Anderen erst recht nicht annehmen. Wenn sowohl praktizierende Christen als auch areligiöse Deutsche die Zionskirche religiös oder auch nur historisch politisch als gepflegten und gehegten „Ort der Erinnerung“ vernachlässigen, vernachlässigen sie das eigene religiöse und historische Erbe. Sie sind unfähig, sich wirklich zu erinnern. Sie sind auch integrationsunfähig. Integrationsfähig sind nämlich nur Menschen, die diesen alt- und neutestamentlichen Satz verinnerlichen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Wer sich selbst und damit sein Erbe nicht akzeptiert, kann den Nächsten weder akzeptieren noch gar lieben. Wer seine Kirchen, auch nur in ihrer historischen Dimension nicht pflegt, kann erst recht nicht als Erbauer von Moscheen und Synagogen ernst genommen werden. Wer sich selbst nicht ernst nimmt, nimmt niemand ernst.

Der Autor ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München.

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