Fahrbericht Renault Captur TCe 120 EDC : Viel Blingbling, aber praktisch

Ein SUV der neuen Art, beplankt und aufgetüdelt - Dem Tester fällt die Annäherung mit dem Renault Captur auf den ersten Blick schwer. Doch auf Dauer haben sich beide ziemlich gut aneinander gewöhnt. Obwohl das Auto sogar Blutzoll forderte.

Kai Kolwitz
Captur heißt das kleine SUV von Renault: Dahinter verbirgt sich ein Clio im Outdoor-Look.
Captur heißt das kleine SUV von Renault: Dahinter verbirgt sich ein Clio im Outdoor-Look.Foto: dpa

Am Anfang muss es der Ausprobierer einfach zugeben – es gab schon Autos, die ihn emotional im ersten Moment stärker berührt haben als das, dem sich dieser Text hier widmen soll. Der Renault Captur TCe 120 EDC nämlich, ein hochbeiniges Vehikel irgendwo zwischen kleiner und kompakter Klasse, der Nachfolger des recht beliebten Raumwunders Renault Modus. Ein Auto, das der Hersteller mit einer Menge modischer Offroad-Emotion aufgeladen hat, um Käufer zu finden – Nissan Juke und Co. haben es vorgemacht.

Was will oder darf man erwarten von einem Wagen, der so etwas versucht und dabei auf der Plattform des wackeren Kleinwagens Renault Clio steht? Soviel vorweg – wir haben uns überraschend gut miteinander arrangiert, das Auto und ich. Und das hier ist ein Autotest, für den Blut geflossen ist. Aber dazu später.

Außen und Innen

Nachdem der Modus noch extrem sachlich gezeichnet war, sind die Designer für den Renault Captur in die Vollen gegangen: konturierte Flanken, ausgestellte Radläufe, ein bisschen grobes Offroad-Plastik und markante chromfarbene Applikationen. Ganz offensichtlich ist Renaults kleiner Crossover ein Auto, das auffallen soll. Allerdings könnten die vielen verschiedenen Formen, Farben und Materialien für den einen oder anderen schon ein wenig zuviel Blingbling sein. Geschmackssache. Innen setzt sich das fort: Für digitale Tachos hat Renault ja schon seit dem ersten Twingo ein Faible. An den verwendeten Kunststoffen kann man hier und da den heftigen Kostendruck bei der Herstellung ablesen – und die Hebelchen wirken teilweise sehr filigran. Als Grobmotoriker hat man ein bisschen Angst, etwas kaputt zu machen.

Insgesamt haben die Designer auch innen lieber einen halben Akzent mehr als einen zu wenig gesetzt. Auf den Sitzen findet sich wie auch auf der Karosse hier und da ein bisschen Schlangenhaut-Optik - hätte man nicht erwartet, bleibt aber relativ dezent.

Sitzen und Laden

Hier beginnt man zu ahnen, was den Captur auszeichnet: Zwar mussten die Konstrukteure mit Rücksicht auf den Preis hier und da Kompromisse machen. Aber da, wo es darauf ankommt, wirkt der Wagen zu Ende gedacht. Deshalb sind die Sitze bequem, auch für längere Touren kann man sich gut auf ihnen einrichten. Was den Platz auf der Rückbank angeht, da hat man die Höhe des Wagens gut ausgenutzt, auch Erwachsene schaffen es, hinten längere Zeit kommod mitzufahren, ohne sich vorher Thrombosespritzen geben zu lassen. Und: In der „Luxe“-Version lassen sich die Bezüge per Reißverschluss vom Sitz entfernen und einfach in der Waschmaschine reinigen. Wer Kinder hat, wird dieses Detail lieben.

Der neue SUV von Renault bietet gute Bodenfreiheit und viel Stauraum im Inneren, ob bei umgelegter Rücksitzbank im Kofferraum oder im rekordverdächtigen Handschuhfach, in dem man wohl ohne Probleme 50 Paar Skihandschuhe unterbringen könnte.
Der neue SUV von Renault bietet gute Bodenfreiheit und viel Stauraum im Inneren, ob bei umgelegter Rücksitzbank im Kofferraum oder...Foto: Kai Kolwitz

In den Kofferraum passen 377 Liter Gepäck, das ist nur eine Winzigkeit weniger, als zum Beispiel ein VW Golf es schafft. Wer die geteilt umlegbare Rückbank per Plastikhebelchen flachlegt, der bringt sogar gut 1200 Liter unter, das ist ordentlicher Stauraum. Und das Handschuhfach dürfte eins der größten sein, die sich im gegenwärtigen PKW-Bau finden lassen, es hat so etwa halbes Sprudelkistenformat. Nur ein bisschen unsauber entgratet war es im Testwagen. Kurz rübergegriffen, ratsch… Aber Pflaster gibt’s ja in der Bordapotheke.

Fahren und Tanken

Mit 120 PS ist die Captur-Variante, die wir probieren durften, die stärkste, die Renault anbietet. Das bedeutet laut Datenblatt mehr als 190 km/h Spitze und gut zehn Sekunden für den Sprint von null auf 100 – dank der Leistung eines Dreizylinders nebst Turbo und vier Ventilen pro Zylinder. Allrad gibt’s übrigens nicht, alle Captur rollen mit Frontantrieb zu den Kunden.

Nun erwartet man von so einem hochbeinigen Mini-SUV nicht unbedingt überragende Straßenlage. Aber wie sich der Renault Captur auf den Landstraßen in Brandenburg schlägt, das ist wirklich aller Ehren wert. Zwar rumpelt das Fahrwerk ein bisschen auf unebener Strecke, aber der Wagen lässt sich zügiger und sicherer um die Ecken zirkeln als man denken sollte. Die Automatik braucht eine kurze Denkpause, um Kickdown-Befehle umzusetzen, die Lenkung ist eher auf Leichtgängigkeit als auf Rückmeldung getrimmt. Aber der Renault Captur ist agiler als man denkt – zumindest, so lange man ihn nicht um Eco-Modus betreibt, denn in dem bewegt er sich doch sehr untertourig. Laut spritmonitor.de verbrauchen die meisten Captur-Piloten mit 120 PS und Automatik zwischen sieben und siebeneinhalb Liter Benzin je 100 Kilometer. Ein Wert, der sich auch im Test in etwa ergab.

Hören und Sehen

Die Übersicht? Ja, die kann man gelten lassen. Guter Überblick ist ja eins der Hauptkaufargumente für Crossovers und ähnliche hochbeinige Autos. Und natürlich hat man auch aus der Kanzel des Captur einen guten Ausblick. Zugunsten der Rundumsicht hat man in die C-Säule des Wagens kleine Fenster eingelassen, die beim Schulterblick sehr helfen – ein Designmerkmal, das andere gern übernehmen dürfen. Ebenfalls zur Kategorie „Sehen“ fällt das Armaturenbrett, das den Fahrer per Farbdramaturgie darüber informiert, wie umweltfreundlich er gerade unterwegs ist. Nebenbei zeigt es sogar noch die Luftgüte an.

Das Upgrade fürs Media-System kostet knapp 600 Euro extra, verwöhnt dafür aber auch mit gutem Sound, der Motor wiederum ist bei hohen Drehzahlen ein bisschen plärrig. Aber wirklich ins Gewicht fällt das nicht.

Wählen und Zahlen

Wer will, der kann einen Captur für 15.390 Euro kaufen, dann allerdings mit nur 90 PS und in der einfachsten Ausstattungsvariante ohne Klimaanlage (die würde dann rund 900 Euro extra kosten). Unser Modell dagegen, 120 PS stark und mit edler „Luxe“-Ausstattung, in der unter anderem Klimaautomatik und Multimediasystem nebst Tomtom-Navi enthalten sind, kommt laut Liste auf gut 21.000 Euro. Unser Testwagen würde sogar gute 23.000 Euro kosten, was vor allem an diversen zusätzlichen Optik-Gadgets und einem Parkassistenten samt Kamera liegt. Den bräuchte es zwar nicht zwingend zum Einparken, aber angenehm ist er schon. Zum Vergleich: Ein Nissan Juke liegt preislich in ähnlichen Regionen.

Gutes und Schlechtes

Na klar, so einen Crossover wie den Captur muss man wollen und mögen. Und natürlich ist Renault mit seinem Modell in einem Preissegment unterwegs, in dem gelegentlich mit spitzem Bleistift kalkuliert werden muss. Aber insgesamt macht der Wagen einen durchdachten Eindruck, kleine Details zeigen immer wieder, dass da jemand die Praxis gut im Blick hatte. Dazu noch ein Motor und ein Fahrwerk, die mehr können als der Tester-Snob ihnen zutraut – als Neuwagen fühlt sich Renaults hochbeiniger Kleiner wie ein gutes Angebot an.


Stärken

Gute Sitze

Straßenlage

Platzangebot Rückbank

Schwächen

Reaktionszeit Automatik

Entgratung Handschuhfach

Motorsound

Die Konkurrenz

Ford Kuga

Nissan Juke

Opel Mokka

 

Technische Daten

Renault Captur TCe 120 EDC

Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)

4,12/1,78/1,57 Meter

Leergewicht

1255 Kilogramm

Kofferraumvolumen / umgelegte Rückbank

377 / 1235 Liter

Maximale Zuladung

471 Kilogramm

Sitzplätze

5

Tankvolumen

45 Liter

Motor

Dreizylinder-Benziner-Turbo-Motor, Benzindirekteinspritzung

Hubraum

1197 Kubikzentimeter

Getriebe

6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe

Leistung (kW/PS)

88/120

Drehmoment

190 bei 2.000 Umdrehungen/Min

Beschleunigung 0 - 100 km/h

10,9 Sekunden

Höchstgeschwindigkeit

192 km/h

Verbrauch laut Hersteller (innerorts / außerorts / kombiniert)

6,6 / 4,7 /5,4

Verbrauch im Test

7,2

CO2-Emissionen / Effizienzklasse

125 g/km / A+

Typklassen (KH/VK/TK)

16/18/17

Preis als Basisfahrzeug

21 340 Euro

Preis des Testwagens

ca. 23 200 Euro

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