Politik : ? Alles Terror

Atombombe, Taliban, Drohnenkrieg – der Westen verbindet mit Pakistan meist Angst und Schrecken. Doch wie tickt dieses riesige Land, was bewegt die Menschen? VON INGRID MÜLLER.

Change. Es ist ein bisschen wie in den USA vor Obama, viele Menschen sehnen sich nach Veränderung. © David Gibson für Bloomberg View
Change. Es ist ein bisschen wie in den USA vor Obama, viele Menschen sehnen sich nach Veränderung. © David Gibson für Bloomberg...

Pakistan – die acht Buchstaben werden im Westen oft mit allem Übel verbunden: Atombombe, mächtiges Militär, korrupte Regierung, islamistische Terroristen, Taliban, die Wirtschaft am Boden, dem Westen feindlich gesinnt, kurzum ein unberechenbarer Staat in der explosiven Nachbarschaft von Afghanistan, Iran, Indien, China. Für viele ist das Land mit rund 190 Millionen Einwohnern ein gescheiterter Staat, das Somalia Asiens. 97 Prozent sind Muslime. Am 14. August 1947 wurde der indische Subkontinent unabhängig, Pakistan sollte das Heimatland der indischen Muslime werden. 1956 erklärte es sich zur Islamischen Republik. Die muslimische Identität ist enorm wichtig, sie wird gern als einigender Gegenentwurf zum Westen propagiert. Viele Menschen wünschen sich Umfragen zufolge eine starke Rolle des Islam in Politik und Recht, sie erhoffen sich wohl eine positiv ordnende Kraft. Einige sehen aber ein Problem darin, zu oft werde die Religion instrumentalisiert, sogar Mörder berufen sich auf die Blasphemiegesetze – und erfahren erstaunlich wenig öffentliche Kritik.

Das Land ist so vielfältig, dass es sich einer kurzen Beschreibung entzieht. Da ist das staubige, strenge, paschtunisch-männlich geprägte Peschawar an der Grenze zu Afghanistan, wo die Regierung wenig zu sagen hat. Dort tragen die meisten Frauen Burka, die angrenzenden Stammesgebiete sind für Ausländer selbst nach Ansicht von Paschtunen, die ihre Region als gastfreundlich preisen, zu gefährlich – „weil wir Taliban und Extremisten wegen des Kriegs in Afghanistan noch nicht vertreiben konnten“, sagen manche, aber das werde sich ändern. Das Gebiet gilt als Rückzugsort internationaler Terroristen. Allerdings sind auch die Stämme nicht alle gut Freund. Wie eine andere Welt wirkt Lahore an der Grenze zu Indien: Die Acht-Millionen-Stadt kommt grün, gepflegt, offen daher. In der sanierten Altstadt buhlen abends Kellner wie in südeuropäischen Touristenorten um Kunden, unter Bäumen spielen Musiker vor prachtvoller Kulisse mit Moschee und Fort. Karatschi, das wirtschaftliche Herz im Süden am Meer, ist eine brodelnde Metropole, in der rund 20 Millionen Menschen verschiedenster Ethnien leben. Es gibt viele illegale Siedlungen, viele heruntergekommene Wohnblocks und in einigen Vierteln massive, teils politisch motivierte Kriminalität. Dieses Jahr starben bis Juli in Bandenkriegen schon mehr als 1150 Menschen. Dagegen macht die rund eine Million Einwohner zählende Hauptstadt Islamabad einen fast klinischen Eindruck, sie entstand 1960 am Reißbrett.

Auch wenn mancher Pakistan gern als das gefährlichste Land der Welt bezeichnet, dort treffen die Menschen zwar Sicherheitsvorkehrungen, aber die stehen in den meisten Gegenden in keinem Vergleich zu Afghanistan. Terror und der Umgang damit spielen dennoch ständig eine Rolle – und sei es nur, um sich zu beklagen, dass man immer damit in Verbindung gebracht wird. Prozesse enden allerdings allzu oft mit Freisprüchen, sagen internationale Experten. Sie sehen die Probleme vor allem auf unteren Ebenen der Justiz, den höchsten Gerichten attestieren sie hohe Standards. Seit Monaten geht das Oberste Gericht gegen die eigene Regierung vor. Dem aktuellen Premier hat es bis 8. August Zeit gegeben, Gelder aus der Schweiz zurückzufordern, die Präsident Asif Ali Zardari, Witwer von Ex-Premierministerin Benazir Bhutto, dorthin abgezweigt haben soll. Den Vorgänger haben die Richter abgesetzt, weil er nicht tätig wurde. Viele Beobachter rechnen mit vorgezogenen Neuwahlen im Herbst. Wie in kaum einem anderen Land reden Menschen mit Verachtung über ihre Regierung, die gilt aber auch den Vorgängern und somit der ganzen politischen Klasse, die die massiven sozialen und wirtschaftlichen Probleme nicht löst. Im Prinzip dominieren einige große Familien wie die Bhuttos und Sharifs die Politik, Mandate gelten oft als Familienerbe. Derzeit inszeniert sich Ex-Cricketstar Imran Khan als finanziell unabhängiger Anti-Politiker. Zu seinen Auftritten strömen Massen. Allerdings nehmen viele ihm übel, dass auch er Ex-Minister im Team hat. Zudem haben ihm Äußerungen nicht nur über Frauen den Ruf eingetragen, den Taliban nahezustehen. Viele sagen, Khan trage „einen Bart im Bauch“, sei ein „versteckter Mullah“. Internationale Beobachter rechnen nicht mit seinem Sieg, denn er habe vor allem in Städten Anhänger, und es gilt das Mehrheitswahlrecht. Allerdings herrscht im Land eine Stimmung, die an die USA vor der Wahl Barack Obamas erinnert: Sie warten auf einen Propheten, der Veränderung bringt. Einer Studie des Pew Research Centers vom Juli über die Einstellungen in muslimischen Ländern zufolge würden 61 Prozent einen starken Führer sogar der Demokratie vorziehen, deren Anteil stieg vergangenes Jahr um elf Punkte, einer starken Wirtschaft geben 58 Prozent ebenfalls den Vorzug – ein Hinweis auf die drückenden Probleme. Die bisherigen Wahlergebnisse zeigen abgesehen von wenigen Gegenden aber keine Tendenz zu Extremen. Anders als in manch anderem muslimischen Land, unterstützen Pew zufolge nur 13 Prozent Taliban und Al Qaida. Selten wird das Militär, das samt Geheimdienst weiter sehr mächtig ist, als Alternative genannt. Die Generäle scheinen die Macht auch nicht anzustreben, würden sie doch dann für all die Probleme verantwortlich gemacht.

Reist man durchs Land, gewinnt man den Eindruck, die USA lösen Indien als Feindbild ab, nicht zuletzt wegen der Drohnenangriffe. Praktisch niemand ist für diesen Kampf gegen den Terror – es sterben zu viele Zivilisten. Viele sehen in Obamas geliebten Drohnen einen Kreuzzug des Westens gegen die muslimische Welt. Man muss dann natürlich auch weniger über eigene Defizite reden. Doch die Länder sind aufeinander angewiesen. Für die USA ist Pakistan strategisch wichtig, sie wollen ein Auseinanderfallen unbedingt verhindern und bauen ihre ohnehin große Botschaft aus. Pakistan hängt derzeit nicht zuletzt wegen des Geldes von Amerika ab – gerade erst flossen 1,1 Milliarden Dollar Militärhilfe .

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