100 Tage NSU-Prozess : Johannes Pausch: „Ich bekam Morddrohungen“

Verteidiger Johannes Pausch erhielt wegen seiner Arbeit zwei Morddrohungen. Trotz Umsatzverlusten bereut er nicht, das Mandat übernommen zu haben.

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Verteidiger Johannes Pausch
Verteidiger Johannes PauschFoto: dpa

Wie fühlen Sie sich nach bald 100 Tagen NSU-Prozess?

Ich bin auch nach fast 100 Tagen Verhandlung noch immer angespannt und voller Erwartung. Es ergeben sich aus der Sicht meines Mandanten, des Angeklagten Carsten S., immer wieder neue Ansatzpunkte und Erkenntnisse durch die Vernehmung mancher Zeugen. Das Verfahren ist für mich mehr als nur eine prozessuale Erledigung eines Tat- und Schuldvorwurfes. Es ist für mich Aufklärung über das Phänomen Neonazismus in Deutschland. Dazu trägt weniger die Beweisaufnahme zu den einzelnen Taten bei, sondern vielmehr die Vernehmung so genannter Szenezeugen aus der Zeit, in der mein Mandant dort auch aktiv war.

Wie ertragen Sie die Bilder der getöteten Opfer?

Ich halte die Einführung der Bilder der Opfer für ungemein wichtig. Sie machen mich immer wieder fassungslos.

Welcher Verhandlungstag war für Sie der härteste?

Eindeutig die Tage, an denen sich mein Mandant zur Sache eingelassen hatte und befragt wurde. Anspannung, Konzentration und auch Ungewissheit darüber, wie das aufgenommen wird, was er sagt, bestimmten diese Tage.

Im Prozess wird ab und zu auch gelacht. Stört Sie das oder lachen Sie mit?

Befreiendes, aus einer bestimmten Situation entstandenes Lachen muss nicht unterdrückt werden. Selbst der Vorsitzende Richter kann sich dem nicht entziehen und ich auch nicht. Störend und unangemessen ist für mich das ausgelassene Treiben und Lachen mancher Nebenklägervertreter, insbesondere wenn Angehörige von Opfern da sind.

Hat die Hauptverhandlung Ihr Leben und das Ihrer Angehörigen verändert?

Ja, ganz erheblich. Ich lebe drei Tage in einer anderen Stadt und muss familiäre Abläufe, Bedürfnisse und Gewohnheiten darauf abstimmen. Da ich aber solche Verfahren schon häufiger geführt habe, haben sich alle Betroffenen gut darauf einstellen können. Ein weiterer Aspekt, der manchmal unangenehm wird, sind die vielen Anfragen : warum machst du das, warum verteidigst du als Linker einen ehemaligen Rechten? Und ich bekam Morddrohungen. Es gab zwei vor Beginn des Prozesses. Ein Anrufer sprach sinngemäß auf den Anrufbeantworter in meinem Büro, „na warte du Schwein, wir kriegen dich“. Ein anderer schickte aus dem Ausland per E-Mail die Drohung, er wolle die Anwaltskosten für denjenigen tragen, der mir eine Kugel in den Kopf schießt. Ich habe die Polizei benachrichtigt, sie konnte aber keinen Täter ermitteln. Es ist nicht feststellbar, ob die Drohungen von Rechten oder Linken kamen oder von Leuten, die einfach durchgeknallt sind.

Was hat die Beweisaufnahme bislang gebracht? Wo steht der Prozess?

Die Hauptverhandlung steht dank der dichten Terminierung zeitlich etwa in der Mitte. Auch dank der Aktivitäten einiger Nebenklage-Anwälte erweitert der Prozess den Blick auf das Geschehene über den strafprozessualen Auftrag hinaus. Insbesondere die Ermittlungstätigkeit der damals befassten Behörden wurde thematisiert. Das ist gut so, auch wenn sich die Bundesanwaltschaft und der Strafsenat sträuben - weil ihre Aufgabe die rasche, aber auch gründliche Bewältigung der angeklagten Taten ist.

Haben Sie den Eindruck, der Vorsitzende Richter Manfred Götzl ist der Dimension des Verfahrens gewachsen?

Ja. Aber Götzl würde befriedender und professioneller wirken, wenn er auch bei Kritik und Geduldsprüfungen gelassen bliebe.

Halten Sie es beim jetzigen Stand der Hauptverhandlung für wahrscheinlich, dass Beate Zschäpe und die vier Mitangeklagten verurteilt werden?

Verständlicherweise möchte ich dazu keine Vermutung äußern.

Welche Lehren ziehen Sie für sich und Ihre Arbeit aus dem Prozess?

Da ich viel Erfahrung mit so genannten Umfangsverfahren, also großen Prozessen habe, bereue ich nicht, das Mandat übernommen zu haben. Obwohl die ökonomischen Folgen - Umsatzverluste, Rückgang der Zahl der Mandanten - gesehen werden müssen. Doch die Herausforderung, die ein solches Verfahren bedeutet, wiegt schwerer als negative Folgen.

Haben Sie noch Kraft für weitere 100 Tage?

Ja, selbst für 101 Tage !

Johannes Pausch ist Anwalt in Düsseldorf. Er verteidigt den Angeklagten Carsten S.

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