116. Tag im NSU-Prozess : Der Horror bleibt haften

Beim NSU-Prozess sagte eine Bankangestellte aus, die bei dem letzten Raub der Terrorzelle mit einer Waffe bedroht worden war - das Verbrechen hat tiefe Spuren hinterlassen.

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Beate Zschäpe beim NSU-Prozess.
Beate Zschäpe beim NSU-Prozess.Foto: dpa

Der Überfall ist jetzt schon mehr als zweieinhalb Jahre her, doch die Mitarbeiterin der Sparkasse ist offenbar immer noch traumatisiert. „Ich  hatte die Waffe genau hier“, sagt Antje T. und zeigt auf ihre linke Brust. Die Arbeit koste sie auch heute, trotz des Wechsels zu einer anderen Filiale „schon Überwindung“. Sie habe die Arbeitszeit  reduziert „und ich werde sie jetzt noch weiter reduzieren“. Die Frau stockt, „man schreckt schon leichter auf“. Der Raub vom 4. November 2011 hat tiefe Spuren hinterlassen.

    Die Zeugin ist nicht die erste, die im NSU-Prozess zum Überfall von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos auf die Filiale der Sparkasse in Eisenach aussagt, doch am Mittwoch wird im Oberlandesgericht München das Drama jenes Tages im November noch beklemmender. Als einer der maskierten Täter, mutmaßlich Böhnhardt, mit seiner Waffe den Filialleiter niedergeschlagen hatte, beschloss die Mitarbeiterin, ihm den Tresor zu öffnen. Sie habe zu ihrer Kollegin gesagt, „Schluss, aus, vorbei, jetzt reicht’s“, dann seien sie mit dem Räuber in den Keller gegangen. Dort händigten die beiden Frauen Bargeld aus. Böhnhardt und Mundlos erbeuteten insgesamt knapp 72 000 Euro. Es war ihr letzter Raub. Auf der Flucht entdeckte die Polizei das Wohnmobil, in dem sich die beiden Neonazis versteckten. Mundlos erschoss dann Böhnhardt, zündete das Fahrzeug an und tötete sich selbst. Die Terrorzelle NSU war schlagartig nicht mehr existent.

Zeugin kann nach dem Überfall nicht mehr in der Bank arbeiten

    Der Horror bleibt jedoch haften. Nicht nur für die Angehörigen der zehn Menschen, die von Böhnhardt und Mundlos erschossen wurden, und für die vielen Verletzten bei den Sprengstoffanschlägen. Auch die beiden Frauen aus der Sparkasse Eisenach sind Opfer. Die frühere Kollegin der Zeugin vom Mittwoch ist noch schlimmer dran. Vergangene Woche brach Nadine W. bei ihrer Aussage im Prozess in Tränen aus, der Vorsitzende Richter Manfred Götzl stoppte die Verhandlung für eine kurze Pause. In einem Bankinstitut kann die Frau nicht mehr arbeiten. Sie hat jetzt einen anderen Job.

"Ich bin mit einem vergesslichen Hirn gesegnet"

       Beide Frauen mussten sich nach der Tat in psychologische Betreuung begeben. „Das habe ich anderthalb Jahre in Anspruch genommen“, sagt Antje T. Heute versucht sie offenbar, den Schrecken zu verdrängen. Es kommen Sätze wie „ich bin Gottseidank gesegnet mit einem vergesslichen Hirn“ und „ich halte mich an der Tatsache fest, es hätte Schlimmeres passieren können“.

    Der damalige Filialleiter hat auch vergangene Woche in München ausgesagt. Er scheint mit den Folgen des Überfalls besser zurecht zu kommen. Stefan C. gab sich cool und betonte, fast 15 Jahre Kampfsport gemacht zu haben. Die Macho-Attitüde hat allerdings offenbar nicht nur ihm genützt. Antje T. sagt am Mittwoch,  die „eigene Art“ des ehemaligen Chefs, mit der Tat umzugehen, „hat mir geholfen“.

Reden von Adolf Hitler auf dem Smartphone

    Auf die Aussage von Antje T. folgt die teilweise bizarre Aussage eines Kriminalpolizisten aus Bayern, der sich mit den Handys des Angeklagten André E. und seiner Frau Susann E. befasst hat. Auf dem Smartphone des Ehemannes fand sich eine Videodatei mit Reden von Adolf Hitler und Bildern der Hitlerjugend, in schneller Schnittfolge und unterlegt mit dem Popsong „Born to be alive“. Auf einem anderen Bild war eine Brezel in Form eines Hakenkreuzes zu sehen.

 

    Im Handy von Susann E., gegen sie ermittelt die Bundesanwaltschaft in einem weiteren Verfahren im NSU-Komplex, entdeckte der Beamte ein Bild mit „Hitler-Wein“. Solche Flaschen mit dem Konterfei des Diktators könne man in Österreich und Italien erwerben, sagt der Polizist. Und er beschreibt, was ihm noch bei der Sichtung der Handys aufgefallen war.

  In der Zeit vom 4. November bis zum 8. November 2011, das war der Tag, an dem sich Zschäpe in Jena der Polizei gestellt hatte, waren die Datenspeicher weitgehend leer. Das Ehepaar E. hat vermutlich fleißig gelöscht. Die Bundesanwaltschaft hält André und Susann E. vor, die Terrorzelle unterstützt zu haben. Mutmaßlich jahrelang und bis zum Schluss.

    Ein Indiz liefert am Mittwoch ein weiterer Polizeizeuge. Der BKA-Mann berichtet, am 4. November 2011 habe es nach 15 Uhr mehrere Verbindungen zwischen dem Handy von André E. und einem Mobiltelefon gegeben, das Beate Zschäpe genutzt habe. Kurz zuvor hatte mutmaßlich Zschäpe die Wohnung in Brand gesetzt, in der sie mit Mundlos und Böhnhardt in Zwickau gelebt hatte.

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